In der Serie zum Purpose- und gemeinwohlorientierten Wirtschaften stellt der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft Unternehmen vor, die sich gegen ein rein gewinnmaximierendes Modell entschieden haben. Die Blogserie „Purpose Economy“ soll praktische Denkansätze zu den Themen Gemeinwohlökonomie, Postwachstum & Suffizienz liefern.

Das Interview wurde mit Katharina Hupfer, Verantwortungseigentümerin und Geschäftsführerin der Waschbär GmbH, geführt.

Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Unternehmen. Was macht die Waschbär GmbH aus?

Wir bieten unter unserer Marke Waschbär Produkte und Wissen für einen nachhaltigen Lebensstil an. Die Produkte werden unter sozialen und ökologischen Kriterien ausgesucht. Mit unserem Angebot stehen wir dafür, dass jeder und jede Einzelne ihren bzw. seinen Alltag ganz einfach nachhaltiger gestalten kann. Waschbär möchte Menschen dafür begeistern, mit ihrem alltäglichen Handeln unsere Welt in all ihrer Vielfalt zu schützen.

Waschbär ist seit 2017 Purpose-Unternehmen, bzw. Unternehmen in Verantwortungseigentum. Dies bedeutet, dass die Eigentümer:innen der Triaz Group das Unternehmen weder verkaufen noch vererben dürfen. Wie kamen sie dazu, diesen Schritt zu gehen? Gab es ein konkretes Ereignis?

Im Jahr 2017 stand bei uns die Unternehmensnachfolge an. Unser ehemaliger Eigentümer Ernst Schütz wollte das Unternehmen weder vererben noch meistbietend verkaufen, sondern suchte nach einer anderen Lösung. Er wollte sicherstellen, dass das Unternehmen im Sinne des Zwecks, für den es 1987 gegründet worden war, auch langfristig weitergeführt werden kann und zwar unabhängig von den Interessen von Eigentümern oder Investoren. Uns so kam es dazu, dass mein Kollege Matthias Wehrle und ich gemeinsam mit Ernst Schütz Waschbär in ein Unternehmen in Verantwortungseigentum umgewandelt haben und uns beiden das Unternehmen in dieser neuen Eigentumsform übergeben wurde.  Das Unternehmen gehört sich nun sozusagen selbst. Matthas Wehrle und ich sind zwar die Eigentümer, aber eben nur treuhändische Eigentümer, die das Unternehmen nicht verkaufen und vererben können.

Das Unternehmen gehört nun quasi sich selbst. Der Gewinn bleibt im Unternehmen oder wird an die Mitarbeitenden ausgezahlt. Hat sich durch die Umwandlung innerhalb des Unternehmens etwas Grundlegendes verändert?

Diese Umwandlung hat bei uns einen umfassenden Transformationsprozess angestoßen. Mit der Nachfolge und der neuen Eigentumsform haben wir einen Prozess in Gang gesetzt, der einen Wandel für Strategie, Struktur und Kultur des Unternehmens mit sich bringt und alle Bereiche des Unternehmens betrifft. Wir arbeiten derzeit intensiv daran, die Idee, die hinter Verantwortungseigentum steckt, in unseren Führungsansatz und unsere Unternehmenskultur zu integrieren. Wenn ich das ganz kurz zusammenfassen müsste, dann ließe sich das am besten als Prozess vom „Ich zum Wir“ erklären. Zum Beispiel treffen wir heute alle maßgeblichen Entscheidungen in unserer Geschäftsleitung, der neben Matthias Wehrle und mir mittlerweile auch Daniel Kruschina und Leonardo Langheim angehören. Die Verantwortung auf mehr Schulter zu verteilen, darum geht es auch bei der Einführung von neuen Prozessen für alle Mitarbeitende und Bereiche. Früher hatten wir eine eher traditionelle Unternehmensstruktur mit einer starken Orientierung an den Führungskräften in Form einer klassischen, hierarchischen Organisation. Das haben wir im Rahmen unserer Transformation schon geändert, weitere Schritte werden folgen.

Welche Vorteile haben Sie aus Ihrer Sicht gegenüber “traditionell“ wirtschaftenden Unternehmen, die oftmals externe Investor:innen mit bestimmten Renditeerwartungen haben?

Da sich unser Unternehmen quasi selbst gehört, können wir unsere unternehmerischen Entscheidungen auf unsere Mission und an unserer Vision ausrichten. Der Fokus unseres Wirtschaftens liegt also auf dem Sinn und nicht auf der Profitmaximierung. Verantwortungseigentum macht uns also unabhängig von reiner Profitmaximierung und dem Druck von Investoren. Stattdessen können wir uns darauf konzentrieren, unser Angebot immer weiterzuentwickeln, noch bessere nachhaltige Standards zu setzen und die Gewinne in soziale und ökologische Initiativen zu reinvestieren.

Bei Purpose-Unternehmen werden Entscheidungen immer von Personen innerhalb der Organisation getroffen. Glauben Sie, dass diese Unternehmen resilienter sind?

Bei Unternehmen wie Waschbär, die dem Purpose-Netzwerk angehören und ihr Unternehmen mit Hilfe der Purpose-Stiftung in ein sich selbst gehörendes Unternehmen umgewandelt haben, ist es so, dass nur aktive Unternehmerinnen und Unternehmen die Stimmrechte haben. Ob das auch bei der neuen Rechtsform, die es für Unternehmen in Verantwortungseigentum geben soll, so sein wird, wird sich zeigen. Viel maßgeblicher aber ist meines Erachtens nicht, wer die Entscheidungen trifft, sondern welchen Zweck die Gewinne eines Unternehmens haben. Wenn es keine Shareholder gibt, die kurzfristig den maximalen Ertrag erwarten, dann kann sich ein Unternehmen langfristiger ausrichten, nachhaltiger wirtschaften und etwaige Schwankungen besser ausgleichen. Daher glaube ich schon, dass dies zur Resilienz von Unternehmen beiträgt. So haben uns unsere Werte in den letzten beiden Jahren, in denen wir mit den Auswirkungen der Pandemie und zusätzlich einem Hackerangriff umgehen mussten, sehr geholfen, unternehmerische Entscheidungen zu treffen und diese massiven Herausforderungen zu meistern. Was die Zukunft bringen wird, werden wir sehen. Wir sind mit unserer neuen Eigentumsform ja erst im fünften Jahr und das Modell muss sich erst noch langfristig beweisen.

Wie hat das Unternehmensumfeld auf die Veränderung zum Purpose-Unternehmen reagiert? Gab es Widerstände oder Befürchtungen von Mitarbeitenden, Lieferanten oder Kooperationspartnern? Wie konnten Sie diesen begegnen?

Diese Eigentumsform ist nach wie vor noch etwas Neues, das gar nicht so leicht zu verstehen und zu vermitteln ist. Wir alle haben gelernt, dass Unternehmen wie Sachen behandelt werden, die einem  Eigentümer oder externen Shareholdern gehören, die diese Sachen für ihre wirtschaftlichen Interessen benutzen können. Wenn man dieses dominierende Modell aufbricht, tauchen viele Frage auf. Unter anderem nach der Rentabilität. Aber natürlich müssen auch wir wirtschaftlich arbeiten, um unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Stakeholdern erfüllen und uns im Sinne unserer Mission weiterentwickeln zu können. Ich werde zum Beispiel auch immer wieder gefragt, warum ich diese Verantwortung auf mich nehme, ohne daraus den Nutzen einer herkömmlichen Eigentümerin ziehen zu können. Eine wirklich spannende Frage finde ich die, ob man denn nicht mehr Mitarbeitende an den Entscheidungen beteiligen müsste, weil die Macht nach wie vor in wenigen Händen läge. Aber wie bereits gesagt: Die Idee ist ja noch jung, wir sind noch ganz am Anfang des Weges. Mal sehen, wie wir diesen Weg weiter gestalten werden; da gibt es noch viel Potential für die weitere Entwicklung! Eine sehr positive Erfahrung, die wir bereits machen, seitdem wir unsere neue Eigentumsform haben: Menschen, die Wirtschaft anders gestalten möchten, werden aufgrund unserer Eigentumsform auf Waschbär aufmerksam und möchten bei uns arbeiten. Das finde ich sehr ermutigend!

Sie schreiben in Ihrem Leitbild, dass Sie sich für eine Wirtschaft engagieren, die allen Beteiligten ein gutes Leben bietet. Was meinen Sie mit „gutes Leben“? Was sind Ihre nächsten Schritte, um dieses Ziel zu erreichen?

Für uns ist das gute Leben ein bewusstes und nachhaltiges Leben im Einklang mit Natur, Mitmenschen und Umwelt, das nicht auf Kosten zukünftiger Generationen geführt wird. Wir setzen uns dafür ein, dieses gute Leben für alle Menschen in der Wertschöpfungskette zu ermöglichen. Unsere Wirtschaft hat sich ja immer mehr so entwickelt, dass sie weniger uns Menschen dient, sondern sich vor allem um den Shareholder Value dreht, dem wir Menschen zu dienen haben. Wir hingegen fühlen uns unseren Stakeholdern verpflichtet und möchten Wirtschaft so gestalten, dass sie ein gutes Leben für alle ermöglicht.


Katharina Hupfer wurde im Zuge der Unternehmensnachfolge bei Waschbär zur treuhändischen Eigentümerin und Unternehmerin. Auch zuvor hatte sie bereits in der Handelsbranche daran gearbeitet, Wirtschaft alternativ und nachhaltig zu gestalten bevor sie 2006 der Weg zu Waschbär führte. Bei Waschbär leitete Katharina Hupfer zunächst verschiedene Bereiche, trat dann der Geschäftsführung bei und setzte schließlich den Nachfolgeprozess zusammen mit dem ehemaligen Eigentümer und ihrem heutigen Miteigentümer um.


Das Projekt “Purpose- und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften für mehr Resilienz in Krisensituationen” wird gefördert durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Die Mittelbereitstellung erfolgt auf Beschluss des Deutschen Bundestages.