Der folgende Beitrag gibt einen Einblick in die praktische Perspektive der Postwachstumsdiskussion im Handlungsfeld Wirtschaft. Es geht unter anderen um die Frage, welcher Typus ökonomischen Wachstums akzeptabel ist und welche Positionen progressive Unternehmen in dieser Frage einnehmen. Was kann eine politische Rahmensetzung für fortschrittliche Nachhaltigkeitsansätze leisten und welche Unterstützung wünschen sich nachhaltige Unternehmer_innen von Politik und Gesellschaft In diesem Zusammenhang wird auch darauf eingegangen, welche Beiträge ein auf Freiwilligkeit basierender Unternehmensverband leisten kann.*


Es herrscht Konsens in der Gesellschaft, dass Unternehmensverantwortung über rein ökonomische Ziele wie Gewinnmaximierung und Wachstum hinausgehen muss. Zur Frage Postwachstum oder gar Degrowth gibt es diesen Konsens nicht – und von den Unternehmen und Wirtschaftsakteuren werden diese Fragen höchst kontrovers diskutiert.

Denn „Degrowth“ oder „Schrumpfung“ ist kein attraktives Angebot an aktive Wirtschaftsunternehmen. Aber müssen Unternehmen stets wachsen wollen? Die Kennzahlen und Bilanzpressekonferenzen der großen DAX-Unternehmen legen dies nahe. Aber für viele KMU (kleine und mittlere Unternehmen) stehen andere Werte im Vordergrund. Kleine und mittlere Unternehmen, Familienbetriebe, die nur ein bestimmtes Gebäude oder Firmengelände zur Verfügung haben, finden es „ganz normal“, dass sie nicht immer weiter wachsen wollen. Diesen Unternehmer_innen geht es um den guten Kontakt zu den Mitarbeiter_innen, den sie für weiteres Wachstum opfern müssen. Es geht ihnen um die Herausforderung, die besondere Qualität der eigenen Produkte, aber auch die Qualität der Beziehungen zu Lieferanten und Kunden zu erhalten, sagt Martina Merz, Unternehmerin aus München (Merz 2015). Pures Wachstum würde diesen Werten entgegenstehen, würde die Stabilität gefährden.

Dies bestätigt die Studie vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Jana Gebauer hat mit ihrem Team eine Reihe von Postwachstumspionieren befragt. Sie konnte zeigen, dass viele Unternehmen auf verlässliche Partnerschaften mit anderen bauen, um wechselseitig Kapazitäten zu flexibilisieren und sich so stabiler aufstellen zu können. „Zudem positionieren sie sich jenseits von Standardprodukten und -leistungen, die tendenziell auf Märkten vertrieben werden, die vom `Wachsen oder Weichen‘ geprägt sind. (…) Oder sie nutzen alternative Finanzierungswege, die die soziale und ökologische statt der ökonomischen Rendite in den Vordergrund stellen. Den Wachstumsdruck, der durch herkömmliche externe Finanzierung entsteht, wollen sie möglichst vermeiden.“ (Gebauer 2015)

Ein wichtiger Punkt ist also die Unabhängigkeit von Kapitalinteressen. Denn Investoren bringen zwangsläufig einen Wachstumsdruck ins Unternehmen. Der Journalist Ferdinand Knauß, er für WiWo Green (Ableger der Wirtschaftswoche) sind Postwachstumspioniere uninteressant. (…) die Postwachstumswirtschaft hat nicht weniger als die Entmachtung des Finanzsektors und die Enttäuschung der Renditeerwartung der Investoren zur Bedingung.“ (Knauß 2015) […]

Doch in der vielfach von Verbänden, Wissenschaftler_innen und Zukunftsforscher_innen geforderten Suffizienz liegt politische Sprengkraft. Samuel Schlaefli beschreibt in der Schweizer TagesWoche, wie groß die Erleichterung in den Chefetagen von Großkonzernen und unter Politikern war, als im Herbst 2014 die „Global commission on the Economy and Climate“ unter Lord Nicholas Stern ein Thesenpapier mit der Kernaussage veröffentlichte: Alle Länder, unabhängig vom Wohlstandsniveau, können langfristig wirtschaftlich wachsen und gleichzeitig das gewaltige Risiko des Klimawandels abwenden. Laut Schlaefli „die Basis für eine politische Agenda, deren wichtigstes Ziel darin besteht, das Wachstumsparadigma um jeden Preis zu retten. Ein Lobbyinstrument auch für das „grüne Wachstum“, bei dem Wachstum mit gleichzeitiger Reduktion des globalen Fußabdrucks einhergeht.“ Auch wenn Politik und Wirtschaft die Forderung nach „Suffizienz“ fürchten, ist er überzeugt, dass „Minimalisten“ schon vorleben, dass Suffizienz funktionieren kann, ohne dabei auf Lebensqualität und -freude zu verzichten.“ (Schlaefli 2015)

Der Umweltökonom Dirk Posse geht davon aus, dass „ein Unternehmen durch seine Aktivitäten suffizienzfördernd wirken kann, indem es Produkte und Dienstleistungen bereitstellt, die einen suffizienten, also genügsameren Lebensstil erleichtern.“ (Posse 2015) Aber gilt der Ruf nach Degrowth, nach Wachstumsrücknahme auch für die Vorreiter einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise? Wolfgang Heck, Geschäftsführer des stark wachsenden Unternehmens Taifun Tofu, stellt sich diese Frage jeden Tag. „Macht unser Wachstum im Unternehmen Sinn für die Welt, für die Gesellschaft?“ nur solange er diese Frage mit „ja“ beantworten kann, sei Wachstum für ihn legitim. Taifun-Tofu wird aus gentechnikfreien Sojabohnen aus kontrolliert ökologischem Anbau hergestellt. Das Unternehmen engagiert sich dafür, den Anteil von heimischer Soja aus Deutschland, Frankreich und Österreich zu erhöhen (Veranstaltungsbericht UnternehmensGrün 2015). […]

Was kann politische Rahmensetzung leisten?

Worin sich Postwachstumsverfechter und Befürworter einer „green growth“-Strategie einig sind, ist, dass es Leitplanken für ökonomisches Handeln braucht. UnternehmensGrün kämpft seit seiner Gründung im Jahr 1992 für strengere Leitplanken auf der einen Seite und mehr Unterstützung für tatsächlich nachhaltig-wirtschaftende Unternehmen auf der anderen Seite.

Viele Unternehmen erstellen nun aber heute Nachhaltigkeitsberichte – und wir können in Hochglanzbroschüren nachlesen, welche Ziele im Bereich Nachhaltigkeit gesetzt werden. Doch betreffen diese Ziele das Kernprodukt des Unternehmens? Sind im Kernbereich ambitionierte Nachhaltigkeitsleistungen gewollt – oder wird aus selbstverständlichen Prozessen im Betrieb ein „grünes Mäntelchen“ (Greenwashing)? Im April 2014 hat das EU-Parlament die Berichtspflicht für große Unternehmen zu Nachhaltigkeitsthemen verabschiedet. Die Richtlinie verpflichtet börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten zur Offenlegung von Informationen in Bereichen wie Umwelt, Sozial- und Arbeitnehmerpolitik und Achtung von Menschenrechten. Kleine und mittlere Unternehmen sind ausgenommen, damit die bürokratische Belastung nicht ansteigt. Verschiedene Standards sind zulässig, zum Beispiel UN Global Compact, ISO 26000 oder Global Reporting Initiative. […]

Was kann ein auf Freiwilliger basierender Unternehmensverband leisten?

Seit 23 Jahren setzt sich UnternehmensGrün für die oben benannten „Changemaker“ und „Agenten des Wandels“ ein, für einen stärkeren Schutz der Umwelt durch bessere Rahmenbedingungen für nachhaltig-wirtschaftende Unternehmen. Aber was kann ein auf Freiwilligkeit basierender Unternehmensverband eigentlich leisten? Auf der Hand liegt die Vernetzungsleistung und der Austausch der Unternehmen untereinander – Weitergabe von Wissen und Erfahrung in den verschiedensten Bereichen (klimaneutrale Produktion, Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen usw.). Aber auch geschäftliche Beziehungen untereinander stärken die Branche (z.B. Designleistungen durch eine nachhaltige Agentur, Beratung zu grünen IT-Lösungen). Das sind „innere Werte“ des Bundesverbandes der grünen Wirtschaft. Darüber hinaus ist das gemeinsame Ziel der Mitgliedsunternehmen, Einfluss auf die politischen Rahmenbedingungen zu nehmen. Für die Umsetzung dieser „äußeren Werte“ werden Konzepte erarbeitet (z.B. Mitarbeit am EEG im Jahr 2000, juristische Weiterentwicklung der Agro-Gentechnik-Novelle 2007/2008), Gesetzesinitiativen unterstützt (z.B. ökologische Steuerreform 1999) und aktuelle politische Debatten mit der Stimme der nachhaltigen Wirtschaft flankiert (z.B. Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP, 2015). Dabei geht es darum, gezielte Lösungsvorschläge zu präsentieren, von politischen Initiativen (Reform der Erbschaftssteuer) bis hin zu gesellschaftlichen Fragen (Umdenken hin zu einem progressiven Entrepreneurship, das auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohl orientiert ist).

Der Verband zeigt, dass grüne Wirtschaft nicht bloß Theorie, sondern gelebte Wirtschaftspraxis ist. Dies ist auch eine wichtige Funktion mit Blick auf die traditionellen Wirtschaftsverbände, die für sich in Anspruch nehmen, für „die“ Wirtschaft sprechen zu können. […]

*Auszüge eines Gastbeitrag von Katharina Reuter, Geschäftsführerin UnternehmensGrün, aus dem Jahrbuch Sozialer Protestantismus, Band Nr. 9 – Nachhaltigkeit, Gütersloher Verlagshaus, 2016