Eine Verbrauchermarke, die Transparenz bei Qualität und Preis von Lebensmitteln schaffen und Landwirt:innen eine faire Vergütung garantieren möchte. Bei „Du bist hier der Chef!“ entscheiden Verbraucher:innen selbst, was ihnen bei Lebensmitteln wichtig ist, wie diese produziert werden sollen und bestimmen den entsprechend fairen Preis mit. Wir sprechen mit Nicolas Barthelmé, Mitgründer der Verbraucher-Initiative „Du bist hier der Chef!“ – Die Verbrauchermarke im Interview. Die Initiative “Du bist hier der Chef!” ist Mitglied im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft.

Aus welchem Impuls heraus entstand die Idee zu “Du bist hier der Chef”?
Die Gründung von „Du bist hier der Chef!“ ist das Ergebnis eines Prozesses, der über drei Jahre angedauert hat. Ich hatte damals Erfolg im Job, bekam Anerkennung und ein gutes Gehalt. Und trotzdem habe ich irgendwann festgestellt, dass höher, weiter, schneller mich nicht erfüllte. Also habe ich nach einem Projekt gesucht, das mir einen tieferen Sinn gibt.
Die Idee der französischen Initiative habe ich 2018 entdeckt und war sofort Feuer und Flamme. So entschied ich mich, mich voll der Sache zu widmen und den Funken auch nach Deutschland zu übertragen. Denn diese Vorgehensweise ist neu: Erstmals dürfen Verbraucher:innen selbst entscheiden, was ihnen bei einem Produkt wichtig ist und zu welchem Preis sie bereit sind, es zu kaufen. Das Ergebnis: mehr Transparenz für die Verbraucher:innen und mehr Wertschätzung für die Produkte und die Familien, die Lebensmittel für uns mit viel Arbeit und Herzblut produzieren.

Was ist den Verbraucher:innen wichtig? Worauf kommt es ihnen an?
Wir haben unsere Verbraucher-Initiative gegründet, um die Kontrolle über unsere Ernährung zurückzuerlangen und gemeinsam vier wichtige Fragen zu beantworten, für die es kaum Antworten gibt: Wo kommen unsere Lebensmittel her? Wie werden sie produziert? Wo geht unser Geld hin und welches System unterstützen wir mit jedem Kauf?

Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass Transparenz Vertrauen schafft und ein guter Weg zu mehr Wertschätzung ist. Dank Transparenz verstehen Verbraucher:innen auch, wie sich der Preis von Lebensmitteln zusammensetzt und was sie mit jedem Kauf möglich machen. Denn faire Preise sind der Schlüssel zu mehr Naturschutz, Tierwohl und Biodiversität auf den Betrieben.

Wie ist die Bewegung organisiert?
Unsere Initiative besteht aus einem gemeinnützigen Verein und einer UG, die getrennte Aufgaben und Rollen haben und sich perfekt ergänzen. Der Verein hat die Entscheider-Rolle, steuert die Initiative, setzt die Abfrage-Tools auf, kontrolliert die Einhaltung der gewählten Kriterien und ist als Sprachrohr der Initiative für die Kommunikation zuständig. Die UG hat eine Experten-Rolle, entwickelt die Fragebögen, sucht die Partner aus, schließt die Verträge ab und baut die Absatzwege auf. Vereinfacht: Der Verein gibt Verbraucher:innen eine Stimme und lässt sie gemeinsam gute und faire Lebensmittel kreieren. Die UG übernimmt dann all die Aufgaben, um die entsprechenden Produkte auf den Markt zu bringen und damit die produzierenden Landwirte unterstützen zu können. Den Verein als Kern der Initiative haben wir zu neunt gegründet. Mittlerweile sind wir fast 1.000 Mitglieder. Dazu kommen die vielen Konsument:innen, die bei den Fragebögen mitmachen, uns dank Mundpropaganda und in den sozialen Medien bekannt machen und die Verbraucher:in-Milch bereits kaufen.

Die Verbrauchergemeinschaft e.V. – Vereinsmitglieder

Chef-Milchpackung

Wie reagiert der Lebensmittel-Einzelhandel auf die Verbraucher:innen-Marke?
Die Zusammenarbeit mit dem Handel ist eine kleine Herausforderung. Denn es ist noch sehr neu und ungewohnt, dass Verbraucher:innen damit anfangen, Transparenz bei Qualität und Preis von Lebensmitteln zu schaffen, über Sortimente und Preis-Empfehlungen zu reden und sich für die Unterstützung von regionalen Landwirt:innen zu engagieren. Dem Handel bieten wir die einmalige Chance, mit seinen eigenen Kund:innen zusammenzuarbeiten, gemeinsam ein neues faires Sortiment aufzubauen und mit dessen Vermarktung ein Zeichen für Fairness und Wertschätzung zu setzen. Der Weg zu besseren und fairen Produkten sowie zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft gelingt nur, wenn alle – Landwirt:innen, Verarbeiter:innen, Handel und Verbraucher:innen – zusammen anpacken und mit uns diese Pionier-Arbeit leisten, die sicherlich Zeit, Geduld, Durchhaltevermögen und Investition erfordert. Wir „jagen“ weder Absätze noch Umsätze noch Marktanteile! Wir möchten zeigen, dass gute und fair-produzierte Grundnahrungsmitteln erfolgreich sein können und die gesamte Branche dazu inspirieren, sich auf den Weg zu machen.
Den Anfang haben wir mit der Einführung der Verbraucher-Milch – der ersten demokratisch-gewählten Milch – gemacht, die seit 6 Monaten bei Rewe, Alnatura, tegut, Hit und Wasgau regional erhältlich ist.

Wie geht es jetzt weiter? Was ist in Planung?
Aktuell bereiten wir die Einführung unseres zweiten Produkts – Eier – mit Partner-Betrieben und Handel vor. Parallel möchten wir die Verfügbarkeit der Frischmilch ausbauen und weitere Partner – regionale Betriebe und Molkereien – in unserem Programm aufnehmen. Außerdem arbeiten wir an Lösungen, um eine H-Milch-Variante anbieten zu können und bereiten den nächsten Fragebogen für Kartoffeln vor.
Das „Du bist hier der Chef!“-Team bauen wir aktuell auf. Seit Februar sind wir dann zu dritt, um die Aktivitäten des Vereins und der Community weiterzuentwickeln und unsere Kommunikation bei Facebook, Instagram, Twitter und Co zu intensivieren.

Nicolas Barthelmé, Mitgründer der Verbraucher-Initiative „Du bist hier der Chef!“ – Die Verbrauchermarke. Nicolas Barthelmé ist Betriebswirt und arbeitete viele Jahre im Vertrieb und Marketing von Markenherstellern der Lebensmittelbranche. Im Juni 2019 gründete er mit acht weiteren Verbraucher:innen die Initiative „Du bist hier der Chef!