Der ökologische Fußabdruck von Film- und TV-Produktionen kann mehrere 100, bei großen Produktionen sogar über 1000 Tonnen CO₂ betragen. Viele große deutsche Sender und Produktionsfirmen, besonders im Serien- und TV-Bereich, haben sich in Nachhaltigkeitsinitiativen zusammengeschlossen und selbst verpflichtet, zukünftig großen Wert auf grüne Standards am Set zu legen. Mit dem neuen Filmfördergesetz zum 01.01.2022 soll Grünes Produzieren zudem zur verpflichtenden Voraussetzung werden, wenn Produktionen deutsche Fördergelder nutzen möchten. Im Interview erzählen Paolo-Daniele Murgia und Tobias Wolf vom BNW-Mitglied 2bdifferent, wie das Filmgeschäft nachhaltiger werden kann und was ihre Angebote SUSTAINSHOOTING und SUSTAINDIGITAL beinhalten.


Warum ist „Filmemachen ein dreckiges Geschäft“?

Tobias Wolf:
Die Herstellung von Film- und TV-Produktionen ist in der Regel sehr energie- und ressourcenintensive. Sei es der Diesel-Generator, das umfangreiche Set, das im Anschluss entsorgt wird, oder die logistische Herausforderung, Team und Equipment von A nach B zu bringen – die Auswirkungen auf die Umwelt sind oft enorm. Häufig ist den Zuschauer:innen dieser traditionell hohe Energie- und Materialeinsatz jedoch gar nicht bewusst.

Daniele Murgia:
Ähnlich wie im Eventbereich sind auch in der Filmbranche die Mobilität, der Transport und die Logistik ausschlaggebende Emissions-Hotspots. Der digitale Wandel ermöglicht es mittlerweile, dass komplette Film-Landschaften und Settings in ein und demselben Studio entstehen können, ohne die ganze Filmcrew, schweres Gerät, Kostüme und vieles Weiteres einmal um den Globus fliegen lassen zu müssen.

Wie kann das Filmgeschäft umweltverträglicher werden?

Tobias Wolf:
Jede Produktion hat individuelle Bedürfnisse und unterschiedliche Herausforderungen auf dem Weg zum „Grünen Drehen”. Ob Transport, Catering, Stromerzeugung oder Plastikverbrauch – es gibt reichlich Stellschrauben, an denen gedreht werden kann und muss, um unsere Umwelt zu schonen. Besonders der Generator am Set muss heute dank innovativer Lösungen nicht mehr sein. Der Einsatz von Hybrid-, Elektro- oder Solargeneratoren anstatt von Dieselgeneratoren nimmt immer mehr zu. Mittlerweile können Filmsets mit großen, ressourcenschonenden Generatoren über einen längeren Zeitraum mit ausreichend Energie versorgt werden. Aber auch für kleinere Außen-Einsätze gibt es tragbare Batterien, mit den Interviews oder kurze Film-Szenen abgedreht werden können.

Daniele Murgia:
Wie in allen anderen Branchen ist es auch in der Film- und TV-Branche essentiell wichtig Standards für nachhaltiges Handeln einzuführen. Diese Standards nehmen nicht nur die Produktionen in die Pflicht, sondern besonders die Unternehmungen, die dahinterstecken. Also die Sender, die Produktionsfirmen und letztendlich auch Dienstleister und Lieferanten.
Die unternehmerische Strategie beinhaltet einen ganz wichtigen Faktor: Vorleben von Top-Down! Nur wenn ein Sender oder eine Produktionsfirma die nachhaltige Ausrichtung authentisch und transparent in allen Geschäftsfeldern als natürliche Begleitung mitschwingen lässt, wird das Thema sowohl intern als auch extern als glaubwürdig wahrgenommen.
Am Ende ist und bleibt es die Einstellung, also der Mindset jedes einzelnen, von der Hierarchie bis in die Departments, wie intensiv und verantwortlich Nachhaltigkeit von Anfang in alle Planungs- und Produktions-Prozesse integriert wird.

Gibt es in der Branche Film/Filmproduktion bereits einen deutlich spürbaren Trend zu mehr Nachhaltigkeit?

Tobias Wolf:
Erfreulicherweise ja, das Thema ist trotz Pandemie sehr präsent. Einige der größten deutschen Sender und Produktionsfirmen haben sich in einer Nachhaltigkeitsinitiative zusammengeschlossen und selbst verpflichtet, zukünftig großen Wert auf grüne Standards am Set zu legen. Mit dem neuen Filmfördergesetz zum 01.01.2022 soll Grünes Produzieren zudem zur verpflichtenden Voraussetzung werden, wenn Produktionen deutsche Fördergelder nutzen möchten. Der in den letzten Jahren entstandene Berufszweig des Green Consultants Film&TV unterstützt das ganze Vorhaben und sorgt dafür, dass gerade am Set möglichst nachhaltig agiert wird.

Daniele Murgia:
Zum Beispiel Sky ist ein gutes Vorbild, wo beim Thema Nachhaltigkeit die unternehmerische Strategie im Fokus steht. Auch haben sich die Öffentlich Rechtlichen ARD und ZDF in den letzten Jahren dem Nachaltigkeitsbericht des Deutschen Nachhaltigkeits Kodex angenommen und berichten transparent über ihre Nachhaltigkeits-Strategie, die damit verbundenen Ziele und die Maßnahmen, die es dafür umzusetzen gilt. Zudem wird die Wertschöpfungskette betrachtet und die gesellschaftliche Verantwortung erläutert. Einige haben verstanden, dass es nicht mehr nur um Mehrwegbecher anstatt Plastikbecher geht und betrachten den ganzheitlichen Prozess der zu einer nachhaltigen Ausrichtung führt. Es bewegt sich also etwas in der deutschen Film- und TV-Industrie.

Welchen Ansatz hat das Beratungsprogramm SUSTAINSHOOTING? Was sind die Inhalte?

Tobias Wolf:
SUSTAINSHOOTING hat einen holistischen Ansatz, der über das bisher bekannte in der Branche hinausgeht. Gerade der vollumfängliche CorporateCheck befasst sich sehr intensiv mit der Modifizierung der Managementsysteme der Sender, Studios und Produktionsfirmen, und die Auswirkung daraus auf die komplette Lieferkette.

Daniele Murgia:
Letztendlich wird die komplette Wertschöpfungskette des Unternehmens betrachtet, was folglich entscheidende Auswirkungen auf die einzelnen Produktionen und deren nachhaltige Umsetzung hat. SUSTAINSHOOTING berücksichtigt dabei neben der ökologischen auch die ökonomische und soziale Dimension der Nachhaltigkeit. Nur durch das Zusammenspiel und das gegenseitige Verknüpfen der drei Dimensionen, nimmt dieser Prozess starken und entscheidenden Einfluss auf die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens.

2bdifferent bietet auch das Programm SUSTAINDIGITAL Hiermit kann die Nachhaltigkeitsperformance eines digitalen/hybriden Events bewertet und optimiert werden. Sind virtuelle Veranstaltungen wirklich klimaschädlicher?

Die meisten Menschen gehen ungeprüft davon aus, dass ein virtuelles Event immer nachhaltiger ist als ein physisches. Auch die Digitalbranche mit ihren Servern und Rechenzentren, energieintensiven Herstellung von Endgeräten und dem enormen Stromverbrauch, sind zu einem Umweltproblem geworden. Die Digitalisierung eines Events, eines Seminares oder eines Kongresses sollte am Ende des Tages mindestens so viel CO2-Emissionen vermeiden, wie sie verursacht. Dabei ist es wichtig, welche Faktoren für mehr Nachhaltigkeit bei einem virtuellen Event konkret abgewägt werden müssen. Ein Event lässt sich hierfür aufteilen: in die Planungs- bzw. Pre-Event-Phase, das Main-Event selbst und die After-Event-Phase. Bereits beim Entwurf hybrider oder virtueller Messen, von Messeständen, Kongressen, Tagungen oder Webinaren – sprich dem Requirements Engineering, sollten Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt werden. An valide Zahlen bei der Digitalisierung von Veranstaltungen zu kommen, gestaltet sich aktuell schwierig. Die meisten Anbieter virtueller Events können oder wollen hierzu keine Daten liefern.

Zudem endet die Nachhaltigkeit bei virtuellen oder hybriden Veranstaltungen nicht beim Erstellen des CO2-Fußabdrucks und dem Bezug von Ökostrom, sondern spiegelt sich u.a. bei sozialen Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit wider. Ergänzend findet hier auch das Thema Lieferkette Berücksichtigung, da es zu betrachten gilt, wo die Programmierung stattfindet z.B. durch Outsourcing in China, Indien oder Russland und die Server und Endgeräte produziert werden. D.h. z.B. wie sind dort die Arbeitsbedingungen, Vergütungen, Sozialstandards und Menschenrechte. Ein Thema, über das sich jeder Planer von digitalen Events grundlegende Gedanken machen sollte.

Vielen Dank für das Interview!


Paolo-Daniele Murgia
ist Experte für Nachhaltigkeit in der Event-, Messe-, Kongress-, Festival- und Sportbranche. Als ehemalige Konzern-Führungskraft und leidenschaftlicher Event-Konzeptionist bietet er verschiedene Blickwinkel und somit eine umfassende Beratung für nationale und internationale Unternehmen, Verbände, Organisationen, Veranstalter und Agenturen. Zudem ist er IHK-zertifizierter Green Consultant Film&TV und setzt mit Blick auf die drei Dimensionen Produktionen ganzheitlich nachhaltig um.

Tobias Wolf
ist erfahrener Green Consultant in der Deutschen Film- und TV-Branche und verantwortet die nachhaltige Herstellung von Kino- und Serienproduktionen u.a. für Sky Deutschland oder Bavaria Fiction. Als Mitglied der ersten Stunde des Bundesverbands Green Film & TV Consultants Deutschland e.V. ist er einer der führenden Experten für sogenannte „Grüne Produktionen“.