Vermeiden – Vermindern – Kompensieren: So lautet die Kurzformel, die als Orientierungshilfe auf dem Weg zur Klimaneutralität gilt. Allerdings ist CO2-Kompensation so günstig geworden, dass sich manche Unternehmen gar nicht mehr die Mühe machen, tatsächlich Emissionen einzusparen. Auch gibt es keine einheitlichen Kontrollmechanismen und Definitionen, was Klimaneutralität eigentlich bedeutet. Oftmals haben aber die kleinen sprachlichen Unterschiede zwischen „CO2-neutral“, „klimaneutral“ und „treibhausgasneutral“ große Auswirkungen (siehe Glossar unten).

Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft befasst sich intensiv mit dieser Thematik: Welche Begrifflichkeiten werden benötigt? Welche Standards sollten gesetzt werden? Zwei aktuelle Entwicklungen zeigen die Brisanz des Themas:

  1. Die Wettbewerbszentraleist aktiv gegen Greenwashing-Werbeaussagen vorgegangen: Mehrere Unternehmen erhielten Abmahnungen bzw. sogar Unterlassungsklagen, da wiederholt irreführende Werbeanzeigen geschaltet und gegen gesetzliche Transsparenzanforderungen verstoßen wurden.
  2. Die erfolgreiche Klimaklage gegen den Ölkonzern Shell könnte beim Thema CO2-Reduktion einen bedeutenden Präzedenzfall schaffen. Shell wurde in Den Haag dazu verurteilt, seinen CO2-Ausstoß bis 2030 deutlich zu verringern.

Ein sehr detaillierter Überblick über die vorhandenen Begrifflichkeiten und deren Unterscheidungen voneinander sowie zu aktuellen Studien zu diesem Thema, wird  auf dem Informationsportal von klimafakten.de bereitgestellt: https://www.klimafakten.de/meldung/die-grosse-begriffsverwirrung-bei-klimazielen-klimaneutral-co2-neutral-voellig-egal

An der Stelle den Kolleg:innen von klimafakten.de ein großes Dankeschön für die unabhängige Recherche-Arbeit, die seit Jahren rund um das Thema Klimakrise und Klimaschutz geleistet wird!

Eine weitere Lese-Empfehlung:
Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik, einer der Leitautoren des neuen 6. IPCC Sachstandsberichts, hat zu diesem Thema gemeinsam mit drei weiteren Wissenschaftler:innen im Fachjournal Nature einen Beitrag herausgegeben, wie die sogenannte Netto-Null fair und transparent erreicht werden kann. Außerdem wurde eine praktische Checkliste erarbeitet, die auf den Klimaschutz-Zusagen verschiedener Staaten basieren.

KLIMANEUTRAL
(englisch: „climate neutrality“) ist – strenggenommen – der weitestgehende Begriff, weil er nicht nur auf menschengemachte Treibhausgase blickt. Der Sonderbericht 1,5 °C globale Erwärmung des IPCC definiert in seinem Glossar den Terminus „climate neutrality“ als einen Zustand, in dem „menschliche Aktivitäten keine Nettoauswirkung auf das Klimasystem haben“.

Will ein Land also im eigentlichen Sinne „klimaneutral“ werden, müsste es nicht nur seine Emissionen von Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Methan, Lachgas oder Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) auf –> Netto-Null reduzieren, sondern auch alle anderen Handlungen unterlassen oder ausgleichen, die das Klima beeinflussen. Dazu zählen zum Beispiel Änderungen bei der Landnutzung oder der Rückgang von Schnee- und Eisflächen, weil diese einen Effekt darauf haben, wie stark Sonnenenergie von der Erdoberfläche reflektivert oder absorbiert wird („Albedo-Effekt“).

Kurzgesagt: „klimaneutral“ ist –> treibhausgas-neutral plus alle anderen menschengemachten Veränderungen, die das Klima beeinflussen (siehe dazu auch Luhmann/Obergassel 2020).

TREIBHAUSGAS-NEUTRAL
(englisch „greenhouse gas neutrality“) wird in der Regel synonym zu –> klimaneutral benutzt. Eigentlich ist es aber der präzisere Begriff für das, was meistens mit „klimaneutral“ gemeint ist: die Atmosphäre und damit das Klimasystem der Erde ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr durch den Ausstoß von Treibhausgasen zu verändern.

Dafür muss der Ausstoß von Treibhausgasen nicht komplett eingestellt werden. Restemissionen (etwa aus Industrie oder Landwirtschaft) können hierbei durch –> Negativ-Emissionen kompensiert werden.

CO2-NEUTRAL
(englisch: „carbon neutrality“) ist nicht gleichbedeutend mit –> treibhaushausgas-neutral oder gar –> klimaneutral: Wer das Ziel der Kohlendioxid-Neutralität ausgibt, spricht lediglich über seine CO2-Emissionen, und klammert – bewusst oder unbewusst – andere Treibhausgase aus. Diese aber können bereits in relativ kleinen Mengen eine große Klimawirkung haben. Methan zum Beispiel ist etwa 25-mal, Lachgas 298-mal, Fluorkohlenwasserstoffe 5200-mal so schädlich wie dieselbe Menge Kohlendioxid (jeweils bei Betrachtung eines hundertjährigen Zeitraums). Um die verschiedenen Gase in Treibhausgasbilanzen vergleichbar zu machen, wird ihre Wirkung in so genannte Kohlendioxid-Äquivalente umgerechnet: Eine Tonne Methan geht entsprechend als 25 Tonnen CO2-eq in die Berechnungen ein.

In Ländern mit einem hohen Anteil von (Intensiv)Landwirtschaft an der Wirtschaftsaktivität kann es einen erheblichen Unterschied machen, wenn lediglich von „CO2-neutral“ gesprochen wird. In Neuseeland zum Beispiel mit seiner riesigen Schafzucht (und damit verbunden hohen Methan- und Lachgas-Emissionen) macht Kohlendioxid nicht einmal die Hälfte des nationalen Ausstoßes an Treibhausgasen aus; in Deutschland hingegen sind mehr als 90 Prozent aller Emissionen CO2.

Häufig wird der Begriff „CO2-neutral“ versehentlich oder aus Unwissen gleichgesetzt mit –> treibhaushausgas-neutral oder –> klimaneutral. Die begriffliche Unschärfe kann aber auch ausgenutzt werden, um eigene Klimaziele größer erscheinen zu lassen oder Minderungspflichten kleiner zu halten.

NETTO-NULL-EMISSIONEN
(englisch: „net zero emissions“). Ein solcher Zustand wird vom IPCC so definiert, dass jene Emissionen von Treibhausgasen, die trotz aller Reduktionsmaßnahmen noch vom Menschen verursacht werden, wieder aus der Atmosphäre entfernt werden müssen (–> Negativ-Emissionen). Dies kann entweder durch zusätzlich zu schaffende natürliche Senken geschehen (wie Böden, Wälder und Moore) oder durch künstliche Senken (etwa neue Technologien der CO2-Bindung und -Speicherung, CCS). Es geht also um das Ziel, dass die Treibhausgasbilanz der menschlichen Aktivitäten im Saldo bei Null liegt (–> treibhausgasneutral).

Gelegentlich wird auch von „Netto-Null-CO2-Emissionen“ gesprochen – dann geht es nicht um alle Treibhausgase, sondern lediglich um Kohlendioxid.

NEGATIV-EMISSIONEN
(englisch „negative emissions“) sind Treibhausgase, die der Atmosphäre wieder entzogen werden. In der Regel handelt es sich um Kohlendioxid: Entweder wird es durch die Ausweitung CO2-absorbierender natürlicher Ökosysteme (Wälder oder Moore) dauerhaft gebunden oder durch industrielle Verfahren wie die CCS-Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid.

Praktisch alle Szenarien für eine klimaneutrale, treibhausgasneutrale oder CO2-neutrale Zukunft rechnen (in unterschiedlichem Umfang) mit Negativ-Emissionen, weil ein Zustand völliger Emissionsfreiheit in allen Lebensbereichen unrealistisch erscheint.

>> Klimaneutralität in Unternehmen – Impulspapier des Wuppertal Institut: https://wupperinst.org/fa/redaktion/downloads/publications/ZI20_Neutralitaetsziele.pdf

>> Klimabilanz des Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft: https://www.bnw-bundesverband.de/blog/2020/11/02/ziel-klimaneutralitaet-unternehmensgruen-e-v-erstellt-klimabilanz-2019

>> BestPractice Ecosia: 200% erneuerbar! https://blog.ecosia.org/200-percent-renewable

>> BestPractice followfood GmbH: u.a. 1 Mio. Diesel durch Solar eingespart; #carbonFarming, Interview mit Julius Palm, https://www.bnw-bundesverband.de/blog/2021/03/18/lebensmittelproduktion-mit-verantwortung

>> Wie geht glaubwürdige CO2-Bilanzierung und Reduzierung? Interview mit Dr. Odette Deuber (Vorständin BNW): https://www.bnw-bundesverband.de/blog/2020/05/18/co2-kompensation-und-die-grenzen-zum-greenwashing

>> „Wir müssen uns auch um die Materialien und Güter Gedanken machen, die wir importieren und bei uns verbrauchen. Woher kommen sie und können wir damit anders umgehen?“ Professor Mario Schmidt über versteckte Emissionen in Lieferketten: https://www.researchgate.net/publication/353646124_Klimaneutralitat_-_realistische_Vision_oder_Mogelpackung_Climate_neutrality_-_realistic_vision_or_deceptive_package