Zum Thema „Aus- und Weiterbildung für ein klimaneutrales Deutschland“ diskutierten am 28.10.2021 auf der Jahrestagung 2021 über 150 Teilnehmende aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, veranstaltet vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung. Auch dieses Jahr fand die Veranstaltung wieder hybrid statt.

Dr. Ellen Ueberschär, Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung, eröffnete die Tagung mit einem kurzen Statement zur Wichtigkeit der Aus- und Weiterbildung für die sozialökologische Transformation. Sie verwies dabei sowohl auf den Investitions- und Fachkräftemangel als auch auf den Zusammenhang mit dem Thema Einwanderung und fordert: „Weiterbildung muss für alle offenstehen!“

BNW-Geschäftsführerin Dr. Katharina Reuter, stimmt zu und erklärt, dass in beinahe allen 390 anerkannten Ausbildungsberufen Menschen fehlen, aber lediglich ein Drittel der KMU strategische Personalarbeit betreiben und sogar nur 15 % der kleinen Unternehmen auf ihrer Website überhaupt über sich als Arbeitgeber informieren. Dr. Katharina Reuter appellierte an Unternehmen und Politik sich bei der Aus- und Weiterbildung auf aktuelle Probleme wie die Klimakrise und mangelhafte Digitalisierung einzustellen, denn: „Der Fachkräftemangel verlangsamt den Transformationsprozess.“

Keynote: „Herausforderung für Beschäftigung in Zeiten von Klimawandel und Digitalisierung“
Anschließend präsentierte Gerhard Zickenheiner, Architekt und bis 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen, eine aktuelle Studie, die die Herausforderungen für Beschäftigung in Zeiten von Klimawandel und Digitalisierung aufzeigt. Bis 2035 werden 767.000 Arbeitskräfte fehlen ausgehend von einem Investitionsbedarf von rund 2150 Milliarden Euro bis 2050. Laut Zickenheiner besteht u.a. das Problem, dass die Politik sich deutlich zu weit von der wirtschaftlichen Alltagsrealität vieler KMU entfernt hat, obwohl diese für das Ziel Klimaneutralität bis 2045 mitentscheidend sind. Viele Ausbildungen sind nicht an zukünftige Herausforderungen angepasst, Zugewanderte und Geflüchtete werden unzureichend in den Arbeitsmarkt integriert. Hinzu kommt die fehlende Bekämpfung des Imageproblems besonders im Handwerk sowie ungenügende Digitalisierung. Der Experte für nachhaltige Entwicklung ist sich sicher: „Ohne KMU verpassen wir nicht nur das 1,5- sondern wahrscheinlich auch das 2 Grad-Ziel.“

Paneldiskussion: Aus- und Weiterbildung – grüne Köpfe für ein klimaneutrales Deutschland
Moderiert von Journalistin Hanna Gersmann folgte eine Diskussion mit Gerhard Zickenheiner, Nicola Brandt (Leiterin des OECD Berlin Center), Barbara Hemkes (Leiterin des Bereichs Innovative Weiterbildung beim Bundesinstitut für Berufsbildung) und Christine Vollmer (Head of People and Culture bei der Riese & Müller GmbH).

„Nachhaltige Entwicklung ist kein Projekt von Akademiker:innen, sondern in jedem Beruf relevant“, meint Barbara Hemkes. Alle Berufe haben das Potenzial Klimaschutz zu fördern, deshalb müssten auch die Mindeststandards in den Ausbildungsordnungen auf Klimaschutz ausgerichtet werden. Dies würde auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken, denn viele Jugendliche achten inzwischen sehr auf die Sinnhaftigkeit ihrer zukünftigen Tätigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen. Das bedeutet, junge Menschen müssen mehr in die Berufsbildung mit ein bezogen werden, um nachhaltige Arbeitsplätze attraktiver zu gestalten.

Als gutes Beispiel geht hier das Unternehmen Riese & Müller (BNW-Mitglied) voran. Der E-Bike-Produzent ist nicht nur ein Vorreiter bezüglich ökologischer Nachhaltigkeit, sondern liefert auch viele Anreize für Arbeitnehmer. Christine Vollmer stellt die zahlreichen Schrauben vor, an denen Riese & Müller bei der Personalakquise dreht: Die Förderung einer guten Vertrauensbasis im Arbeitsalltag, flexible Arbeitszeitmodelle, die Abkehr von klassischen Bewerbungsmodellen, und vor allem die Möglichkeit an etwas gesellschaftlich Bedeutendem wie der Verkehrswende teilzuhaben zieht viele Bewerber:innen an.

Nicola Brandt fügt noch weitere Lösungsansätze für den Fachkräftemangel hinzu. Eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung sowie die Förderung bildungspolitisch Benachteiligter ist unverzichtbar um große Veränderungen wie Digitalisierung und Klimaschutz unter einen Hut zu bringen meistern zu können. Nach wie vor fehlen dafür finanzielle Ressourcen, sie fordert: „Wir brauchen eine Anschubfinanzierung für Weiterbildungen, um Nachhaltigkeit in alle Jobs integrieren zu können, falls die jetzigen Qualifikationen zukünftig nicht mehr ausreichen.“

Das Thema Finanzierung greift auch Gerhard Zickenheiner noch einmal auf: „Die Budgets müssen massiv erhöht werden, die aktuelle finanzielle Unterstützung steht im Widerspruch mit dem Ziel von Paris, die Erderwärmung auf 1,5° zu begrenzen.“ Außerdem postuliert er einen anderen Umgang mit Eingewanderten. Diese hätten für den Arbeitsmarkt großes Potenzial, erhalten aber zu wenig und zu spät Unterstützung bei der Integration.
Moderatorin Hanna Gersmann fasste zusammen: „Klimaschutz ist Handarbeit!“

Kurzimpulse: Wie läuft Aus- und Weiterbildung in nachhaltigen Unternehmen?
Die im Anschluss vorgetragenen Kurzimpulse beschäftigten sich damit, wie Aus- und Weiterbildung in nachhaltigen Unternehmen umgesetzt werden. Annette Bohlandt & Peter Behrendt vom Coachingzentrum Freiburg zum Thema „Neue Wege in der Ausbildung: Zukunftsfähige Organisationen gestalten“: „Sinn, Vertrauen und Agilität machen zukunftsfähige Organisationen aus.“ Frauke Rinelli vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. zum Thema: „Umweltprofis von morgen: Schüler:innen von heute mit Ideen für ein besseres Morgen“ „Nachhaltiges Wirtschaften wird in die Schule getragen. Die Schüler:innen bekommen die einmalige Gelegenheit erste Praxiserfahrungen zu sammeln und Fachwissen zu erlangen.“ Iken Draeger vom Wissenschaftsladen Bonn zum Thema: „Grüne Jobs für junge Menschen – Berufsorientierung mit dem Netzwerk Grüne Arbeitswelt“: „Viele Jugendliche engagieren sich für Klimaschutz und wollen etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun. Sie wissen aber gar nicht wie, weil das im Rahmen ihrer Berufsorientierung nicht zum Thema gemacht wird.“ Dr. Katharina Reuter resümierte: „Ohne die Qualifikation für die sozial-ökologische Transformation, den Klimaschutz und neue Technologien werden wir die Klimaneutralität in Deutschland nicht erreichen.”

Speaker:innen:

  • Dr. Ellen Ueberschär, Heinrich-Böll-Stiftung
  • Dr. Katharina Reuter, Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft
  • Gerhard Zickenheiner, MdB für Bündnis 90/Die Grünen
  • Nicola Brandt, Leiterin OECD Berlin Centre
  • Christine Vollmer, Head of Culture, Riese & Müller GmbH
  • Barbara Hemkes, Arbeitsbereichsleiterin Bundesinstitut für Berufsbildung (bibb)
  • Annette Bohlandt & Peter Behrendt, Coachingzentrum Freiburg
  • Frauke Rinelli, Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft
  • Iken Draeger, Wissenschaftsladen Bonn
  • Moderation: Hanna Gersmann, Journalistin