Wie sieht die Wirtschaft der Zukunft aus? Diese Frage war das Leitthema der Veranstaltung „Alles anders?! Wirtschaft neu denken“, die im Rahmen des Verbundprojekts „Wirtschaften mit Zukunft* ökologisch – demokratisch – sozial“ der Heinrich Böll Stiftung in Kooperation mit weiteren Landesstiftungen und in Zusammenarbeit mit dem Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V. am 2. Dezember 2021 online stattfand. BNW-Geschäftsführerin Dr. Katharina Reuter diskutierte gemeinsam mit Prof. Dr. Ulrich Brand, Politikwissenschaftler an der Universität Wien, und Sven Giegold, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, über die grundlegenden theoretischen Fragen zu unserem Wirtschaftsmodell, die gute Praxis einer zukunftsfähigen Wirtschaft und das Gestaltungspotenzial der neuen Ampel-Regierung.

Leitend für die Podiumsdiskussionen waren drei Thesen, die Prof. Dr. Ulrich Brand zu Beginn der Veranstaltung formulierte. So erläuterte er, dass eine ökologische Modernisierung des Kapitalismus nicht ausreichen werde um die kommende ökologische Krise einzudämmen. Hier stehe eine zukunftsorientierte Politik in der Verantwortung kapitalistische Machtverhältnisse und Wachstumslogiken kritisch zu hinterfragen und stellenweise zu überwinden. Weiterhin führte Brand aus, dass eine solidarische Wirtschaft einer systematisch internationalistischen Wirtschaftspolitik bedarf. Zuletzt verwies der Politikwissenschaftler noch auf das Potenzial der Exnovation, die im Gegensatz zur Innovation dafür stehe, bestimmte technologische Pfade zu verlassen und Produktion in zerstörerischen Branchen zu begrenzen.

In ihrer Stellungnahme betonte BNW-Geschäftsführerin Dr. Katharina Reuter, sie gehe nicht davon aus, dass der Markt das Problem sei. In ihrer täglichen Arbeit im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft habe sie mit vielen nachhaltigen Pionieren der Unternehmenswelt zu tun und sie glaube durchaus, dass eine sozial-ökologische Marktwirtschaft funktionieren könne. Als Voraussetzungen dafür sieht sie allerdings deutlich die Notwendigkeit der Auszeichnung von wahren Preisen und ein konsequentes Durchgreifen der Politik. Das Prinzip der Freiwilligkeit sei vorbei. Die ganze Wirtschaft würde sich erst ändern, wenn es verbindliche Regeln für alle gäbe, so die Ökonomin. Nach einigen falschen Signalen im Koalitionsvertrag müsse die Ampel-Regierung jetzt erst noch zeigen, dass sie es erst meine. Dass die neue Regierung dabei auf ökonomische Modernisierung setze könne ihr jedoch nicht zu Vorwurf gemacht werden. Ein Koalitionsvertrag unter dem Motto „Mehr Notbremse wagen“ würde die Menschen weder überzeugen noch mitnehmen. In diesem Zusammenhang hob Katharina Reuter die Macht der Sprache besonders hervor: ein Narrativ von Verzicht und Rückbau lasse transformative Bestrebungen wenig attraktiv wirken. Dennoch werde ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen nicht ohne ein „Weniger“ und einen industriellen Umbau möglich sein. Es sei eine spannende Frage, wie dieses transformative Projekt auch sprachlich attraktiv gestaltet werden können.

Auch Sven Giegold zeigte sich nicht überzeugt davon, dass Rückbau die Antwort auf das Problem sei. Wenn man eine Gesellschaft verändern wolle, müsse man die Transformation als Erzählung nach vorne erzählen. Als Hauptaufgabe der Gesellschaft identifiziert er die Einhaltung des 1,5° Ziels. Die Überwindung des Kapitalismus habe dabei keine Priorität, vielmehr sei das Erreichen gerade die zentrale Voraussetzung dafür, in Zukunft noch über den Kapitalismus streiten zu können. Darüber hinaus sieht Giegold auch einen Nutzen im kapitalistischen System. Es sei schließlich zu schnellen Innovationsprozessen fähig, befördere neue Technologien und lasse alte zurück. Die Prinzipien des Wettbewerbs seinen jedoch nur dann nützlich, sofern sie strikt eingerahmt von planetaren Grenzen wären und in Richtung verbindlicher Klimaziele gelenkt würden. Dabei müsse der Staat eine aktive und gestalterische Rolle einnehmen, Innovationsprozesse dynamisieren, sozial kompensieren und auch regelnd agieren statt nur Rahmenbedingungen zu setzen. Insofern sieht es Sven Giegold als wichtig an, nicht in kapitalismuskritischen Dimensionen zu verharren, sondern angesichts der Dringlichkeit des 1,5° Ziels heute schon mit den vorhandenen Akteuren ins Handeln zu kommen. Dabei betonte er aber auch, dass stets über Wachstumslogiken und kapitalistische Wirtschaftsweisen hinaus gedacht werden müsse. Aus diesem Grund, so eröffnete er dem Publikum, plane das Wirtschaftsministerium auch den Strang Gemeinwohlorientierte Wirtschaft aufzubauen, der systematisch eine sozial-ökologische Wirtschaft stärken soll und den Sven Giegold planmäßig leiten solle.