Ein Debattenbeitrag von den BNW-Mitgliedern Dominik Campanella, CONCULAR, und Dr. Christoph Soukup, materialkreislauf. Studio für Material- und Kreislaufwirtschaft.

Die Wirtschaft, so wie sie heute operiert, bringt weniger als 10% der eingesetzten Materialien wieder in den Kreislauf. Das zeigt das immense Potential einer intelligenten Kreislaufwirtschaft und Konzepte der Weiternutzung von Produkten bzw. der Wiederverwendung von Materialien.


Das gilt natürlich auch beim Bauen: Allein die Herstellung von Baumaterialien macht ca. 20% des globalen CO2-Ausstoßes aus. Errichtung und Betrieb unserer gebauten Umwelt sind insgesamt für etwa 40% der Treibhausgas-Emissionen und 40% des Energieverbrauchs verantwortlich. Außerdem gehen etwa 50% unseres weltweiten Materialbedarfs und 50% unseres Abfallaufkommens auf ihr Konto.

Warum klimagerechtes Bauen?
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat bereits 2009 die Ermittlung von CO2-Restbudgets für Länder auf Basis der Bevölkerungszahl vorgeschlagen. Legt man das letzte vom Weltklimarat IPCC ermittelte globale Restbudget von ziemlich genau 400 Gt CO2 zugrunde, und bricht diesen „verbleibenden atmosphärischen Deponieraum“ über den Bevölkerungsanteil auf Deutschland herunter, ergeben sich 4 Gt CO2. 4 Gt CO2, die dem Land mit seiner gesamten Bevölkerung, seinem Verkehr, seiner Industrie und seiner Landwirtschaft als Restbudget verbleiben. Rechnerisch sind das für jede:n Bewohner:in 50 t, während wir aktuell jährlich mit etwa 11 t CO2-Freisetzung pro Kopf rechnen. Ende 2025 ist damit  auf dem aktuellen Niveau unser Emissionsbudget komplett erschöpft. Alle, bis jetzt vorhandenen Pläne, der Bundesregierung bzw. auf EU-Ebene verfehlen, trotz der im Dezember 2020 erhöhten Ambition, den CO2-Ausstoß bis 2030 um mindestens 55% unter das Niveau von 1990 zu senken, das Ziel des Pariser Klimaabkommens deutlich.

Ähnlich sieht es beim Ressourcenverbrauch aus: Hier liegt unser Konsum bei derzeit über 40 t Ressourcen incl. Infrastruktur und Abfällen pro Kopf und Jahr, während das von Wissenschaftler:innen identifizierte richtige Maß bei 8 t (6 t erneuerbare Ressourcen, 2 t nicht-erneuerbar) liegen würde. Also ein Fünftel des heutigen Konsums.

Was heißt “klimagerechtes Bauen”?
Bauen, das zukunftsfähig sein soll, wird sich radikal anders aufstellen müssen. Es wird weitgehend auf fossile Ausgangsmaterialien verzichtet und es wird in intelligenten Kreisläufen umgesetzt. Das nachhaltigste Gebäude ist bekanntlich das, das gar nicht erst gebaut wird. Da wir Menschen aber nun mal aufs Engste mit Gebäuden verbunden sind, wird es ganz ohne sie nicht gehen. Eine Lösung dieses Dilemmas ist die Um- und Weiternutzung von Bestehendem. Wenn wir wirklich vorankommen wollen mit der Kreislaufführung im Bausektor, brauchen wir also Ideen, wie wir heute schon bestehende Gebäude und die in ihnen verbauten Materialien weiter nutzen können. Unsere Städte sind wahre Rohstofflager. Jahrhundertelang haben Generationen von Menschen Kupfer, Blei, Zink, Zinn, Aluminium und viele andere wertvolle Metalle verbaut. Außerdem mineralische Baustoffe wie Steine, Sand und Lehm, in der modernen Variante meist Beton, zudem nachwachsende Baustoffe wie Holz, Kork oder Linoleum und verschiedenste Pflanzenfasern.

Architects4Future haben im Sommer einen vielbeachteten Vorschlag für eine “Muster(um)bauordnung” vorgelegt, an der CONCULAR mitgearbeitet hat. Sie beschreibt sehr konkret nötige Änderungen an gesetzlichen Rahmenbedingungen, die erforderlich sind, um den Gebäudesektor bis 2035 klimaneutral stellen zu können. Wichtige Prinzipien sind darin: möglichst konsequentes Weiterbauen im Bestand, Abriss nur von nachweislich “nicht sanierungsfähigen” Gebäuden, Erstellung von Rückbaukonzepten und nachzuweisende Nutzungsflexibilität bei Neubau, Digitalisierung des Gebäudebestandes und der verbauten Materialien.

Häufige Fragen & Antworten rund ums Bauen:
Welche Probleme gibt es derzeit in Bezug auf die Beschaffungspraxis bei Baumaterial hinsichtlich der Kreislaufwirtschaft? Was sollte sich dabei ändern?

  • Planungsvorläufe sind oft sehr kurz, zu kurz. 3 bis 6 Monate wären nötig, um Materialien aus dem Rückbau im Kreislauf führen zu können. So viel Zeit wird aber in den meisten Bauprojekten für einen geplanten Rückbau nicht veranschlagt
  • Dadurch entstehen auch Engpässe bei der Verfügbarkeit recycelter Materialien in ausreichender Menge, um diese wiederum für den Einsatz bei Neu- oder Umbauprojekten interessant zu machen

Wie sehr sind Rezyklate im Baubereich schon in der Anwendung und was hindert die Bauwirtschaft bislang, sie zu verwenden?

  • Recycelte (Bau-)Materialien treffen immer noch auf Vorbehalte von Kund:innen und Auftraggeber:innen. Die Logik ist etwa die: „Ich möchte doch nichts Gebrauchtes (und dafür kann man alles einsetzen: Kunststoff, Beton, Boden etc.), wenn ich doch frisches, unverbrauchtes Material bekommen kann.” Sogar die öffentliche Hand schreibt heute noch Bauvorhaben aus, bei denen der Einsatz von Recycling-Baustoffen explizit ausgeschlossen wird oder, wegen Mehrkosten, nicht in Frage kommt.

Sind Rezyklate steuerlich gegenüber neuen Bauprodukten steuerlich im Nachteil? Wie genau?

  • Rezyklate werden mit der Logik der Mehrwert-Steuer durch die „Veredelung“ bzw. die „Behandlung“ (= Wertschöpfung) noch einmal besteuert, nachdem sie bereits als Neumaterial („Virgin Material“) mit Umsatzsteuer beaufschlagt wurden. Das verteuert die Baukosten privater Bauherren und deshalb leiten daraus manche die Forderung ab, Rezyklate von der Umsatzsteuer auszunehmen bzw. den ermäßigten Steuersatz anzuwenden

Sollten Bauprodukte künftig ein Kreislauflabel bekommen? Was genau soll damit erreicht werden?

  • Kreislauflabel zeigen an, ob bzw. wie sehr ein Produkt und dessen Bestandteile aus Kreisläufen stammen. Sie sind so vergleichbar mit Eco-Labeln, die darstellen, wie energieeffizient ein Haushaltsgerät ist oder Reparatur-Indices (wie in Frankreich), die die Reparierbarkeit eines Produktes angeben. Ein Kreislauflabel könnte und würde die Kreislauffähigkeit eines Bauproduktes transparent machen und bewusste Entscheidungen der Bauherren ermöglichen.

Quellen und weiterführende Links:
1. https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/#SPM, S. 27ff.
2. Ottmar Edenhofer, Brigitte Knopf und Gunnar Luderer: Globale Klimapolitik jenseits harmloser Utopien. In: Wirtschaftspolitische Blätter. Nr. 4, 2009.
3. Siehe für einen ersten Überblick: https://climateactiontracker.org/countries/