Seit September 2021 ist das BNW-Mitglied AXICA Kongress und Tagungszentrum Pariser Platz 3 GmbH mit dem „Gemeinwohl-Ökonomie“-Zertifikat bilanziert. Im Interview erklärt Cathrin Mühlbauer, warum sich AXCIA auf den Weg zur Implementierung einer ganzheitlichen Nachhaltigkeit auf allen Ebenen gemacht hat und wie die Zukunft der Veranstaltungswirtschaft aussehen wird.

Die AXICA hat als bekannte Event-Location eine GWÖ-Bilanz erstellt. Wie kam es dazu?
Wir haben den Sinn und Wert unseres täglichen Handelns vor einiger Zeit definiert und darauf aufbauend unseren Weg zu mehr sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit gezeichnet. Die „Gemeinwohl-Ökonomie“-Bilanzierung (GWÖ) war für uns der nächste logische Schritt nach der Zertifizierung von visitBerlin zum „Sustainable Meetings Berlin“-Partner und der Erklärung zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) in 2019. Die GWÖ Bilanz ermöglicht es uns einen Fokus auf die Bereiche zu setzen, die noch nicht so „rund“ laufen. Sie ist sozusagen ein Brennglas auf den positiven als auch herausfordernden Themen unserer Organisation.

Gab es auch Hürden/ Hindernisse im Haus?
Wir haben die Bilanz in Zeiten der Pandemie von November 2020 bis Juli 2021 durchgeführt. Einerseits konnten wir uns intensiv mit der Bilanzierung auseinandersetzen, da unser primäres Geschäft nicht im gewohnten Maße lief, gleichzeitig nervte es manchmal im „mobilen Arbeiten“ an die Informationen der anderen Abteilungen und Kolleg:innen zu gelangen – ein kurzes persönliches Gespräch, ein Austausch zufällig in unserer Teeküche, ist dann doch einfacher. Es war eher ein Schmerz in uns und mit uns selbst, als wir unseren Sinn und unsere gesellschaftliche Wirkung untersuchten. Welchen Beitrag leisten wir als Konferenzzentrum für die Gesellschaft oder sind wir in der Hauptsache entbehrlicher Luxus?

Sie sind Teil der Veranstaltungswirtschaft, die von Corona insgesamt stark getroffen wurde. Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektive für Ihre Branche – welche Trends, welche Entwicklungen werden wir sehen?
In der Tat ist unsere Branche mit am stärksten betroffen. Im vergangenen Jahr wurden über 70 % der geplanten Veranstaltungen abgesagt. Für unsere gesamte Branche bedeutet dies mehr als 46 Milliarden Euro gesamtwirtschaftlicher Schaden in den vergangenen zwei Jahren. Wir hoffen stark auf einen belebenden Frühling, es gibt definitiv einen Veranstaltungsstau. Seit Mitte Januar verzeichnen wir wieder eine verstärkte Nachfrage und das stimmt uns positiv. Nach wie vor steht das Netzwerken, der Wissenstransfer sowie die persönliche Begegnung und das Erlebnis im Vordergrund. Die Bedürfnisse an Events haben sich allerdings verändert. Es werden zukünftig noch mehr Veranstaltungsformate entwickelt, um den Faktoren digital, analog und hybrid gerecht zu werden. Die Dauer und die Inhalte der Veranstaltungen werden deutlich kürzer, fokussierter und interaktiver. Hygienemaßnahmen, Testungen und Abstandsregelungen könnten für die Wintermonate bleiben.

Wie viel Digitalisierung wird bleiben?
Hybrid ist gekommen, um zu bleiben. Je nach Art der Veranstaltung und da, wo es Sinn macht, wird es den Teilnehmenden zur Auswahl gestellt, sich auch digital dazu zuschalten. Hier werden weiterhin kreative Lösungen gesucht, wir sind noch lange nicht am Optimum. Gleichzeitig sind wir jedoch fest der Meinung, dass physische Begegnungen trotz oder gerade wegen der Digitalisierung in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine Renaissance erleben werden. Nothing can replace face to face. Man sollte eine gleichberechtigte und sinnvolle Koexistenz zwischen digital und analog Zuschauenden schaffen.

Noch mal zurück zum Fokus der nachhaltigen Veranstaltungen: Müssen Sie nachhaltige Komponenten zu einem höheren Preis anbieten? Wenn ja, tragen die Kund:innen das mit?
Beste Qualität und gute Produkte – das war und wird immer unser Credo sein. Als wir uns vor einigen Jahren gezielt unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit unter die Lupe genommen haben, konnten wir natürlich auch viele neue Erkenntnisse bspw. im Bereich Catering dazugewinnen und umsetzen: die ganzheitliche Verarbeitung von Fleischprodukten, die Verarbeitung von pflanzlichen Produkten durch bspw. Fermentierung, Konzepte zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung (To-Go-Boxen), die Wiederverwendung von Speisen, die noch nicht am Gast waren uvm. Sicherlich haben wir dort, wo es aufgrund von höherem Aufwand und Einkaufspreis notwendig war, den Preis anheben müssen. Viel mehr merken wir im täglichen Geschäft, dass es an dieser Stelle vermehrt Gesprächsbedarf gibt. Bei unseren Hausführungen angefangen bis hin zu den Detailabsprachen zwischen unseren Berater:innen und den Kund:innen sind die Themen „nachhaltiges Catering“ oder „Ökostrom“ immer wichtiger geworden und werden explizit angefragt – unsere Kund:innen sind bereit mehr für klimagerechte Produkte zu zahlen und teilen unsere Maxime „Kein Premium ohne Nachhaltigkeit“.

Wie kommunizieren Sie den Mehrwert?
Das Ganze funktioniert nur in einem ehrlichen und transparenten Dialog, der schon bei der ersten Hausführung startet. Wir möchten unseren Kund:innen direkt zu Beginn vermitteln, was wir tun, warum wir das tun und welchen Mehrwert dies auch für sie hat. Wir erzählen die Geschichten hinter den Produkten. Zukünftig werden wir auch die CO2-Emission von Gerichten mit und ohne Fleisch darstellen, den Fußabdruck des Essens.
Gerade im Cateringbereich können wir mit den Mengen der einzelnen Komponenten spielen, heißt wir fangen mit einer veganen / vegetarischen Basis an und das Fleisch ist das „Topping“, so können wir höhere Preise besser kompensieren. Es ist uns eine Herzensangelegenheit, die Besonderheit einer Zusammenarbeit mit uns hervorzuheben.
Neben dem persönlichen Austausch ist es uns auch wichtig, diese Mehrwerte, unser tägliches Handeln für eine bessere Zukunft auch im Online-Bereich über unseren Newsletter und unsere Social Media Kanäle weiterzutragen und auch dort in den Dialog zu treten.

Welche Veranstaltung würden Sie gern einmal in Ihren schönen Räumlichkeiten beherbergen?
Natürlich das 40jährige BNW-Jubiläum – das würde uns freuen! Darüber hinaus haben wir ein weiteres ziemlich konkretes Bild:
Gerne würden wir 2026 die Auftaktveranstaltung für das „Davos des Gemeinwohls“ gemeinsam mit unseren Partnern hier in der AXICA, auf dem Pariser Platz und in weiteren anrainenden Häusern ausrichten. Perspektivisch wird es ein nachhaltiges Festival für die Gestaltung der Zukunft mit mindestens 3.000 geladenen internationalen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ich stelle mir vor, wie der Bundespräsident live vor dem Brandenburger Tor – dem Symbol für Frieden und Verständigung – eine mitreißende Eröffnungsrede hält, die in zahlreiche Länder übertragen wird.

Cathrin Mühlbauer, Beratung / GWÖ-Verantwortliche AXICA Kongress- und Tagungszentrum Pariser Platz 3 GmbH

Cathrin Mühlbauer studierte Betriebswirtschaft in Berlin. Seit über 14 Jahren arbeitet sie in der AXICA im Key Account Management mit Fokus auf unter anderem Government und NGOs. Zudem hat sie sich als GWÖ-Beauftragte seit Anfang 2021 auf das Thema „Gemeinwohl“ konzentriert und die Bilanzierung der Gemeinwohl-Ökonomie für die AXICA verantwortet.