Um die Klimaziele auf nationaler und europäischer Ebene zu erreichen müssen Unternehmen ihre Treibhausgasemissionen reduzieren. Um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, muss man sie kennen. Gemeinsam mit PLAN A.Earth hat der BNW 2021 einen kostenfreien Emissionsrechner für Unternehmen entwickelt. Damit können Unternehmen einen ersten Eindruck von ihren CO2 Emissionen bekommen und sich mit Unternehmen derselben Branche vergleichen. Im Interview sprechen Lubomila Jordanova (CEO PlanA.Earth GmbH) und Dr. Katharina Reuter (Geschäftsführerin BNW) über den Emissionsrechner, grüne Startup-Gründungen und CO2 Bilanzierung.

Lubomila, herzlichen Glückwunsch zu eurer aktuellen Zertifizierung als „B Corp”-Unternehmen. Nachhaltigkeit ist ja Kern eurer DNA. Gab es bei der Zertifizierung dennoch größere Hürden? 

Lubomila: Zunächst einmal vielen Dank! B Corp gilt ja nicht ohne Grund als eine der renommiertesten Zertifizierungen für Privatunternehmen. Das Verfahren ist rigoros und erfordert die Beantwortung von mehr als 300 detaillierten Fragen zur Unternehmensführung, Arbeitnehmenden, Gemeinden, Kund:innen und Umweltauswirkungen. Das bedeutet natürlich, dass man einiges an Zeit und Arbeitskraft investieren muss, um alle erforderlichen Informationen zusammenzutragen und einzureichen. Das war in der Tat eine große Herausforderung für uns.


Katharina, habt ihr einen Überblick, welche Zertifizierungen & Nachhaltigkeits-Tools bei euren Mitgliedern am meisten verbreitet sind?

Katharina: Das kommt ganz darauf an. Wir haben größere Mitgliedsunternehmen, die international aufgestellt sind. Diese berichten dann beispielsweise nach dem Global Reporting Index (GRI). Dann haben wir viele Mitglieder die nach dem deutschen Nachhaltigkeitskodex berichten, andere setzen die Gemeinwohl-Matrix ein. Zudem haben wir auch einige Unternehmen in unseren Reihen, die nach B Corp zertifiziert sind. Die Nachhaltigkeitspioniere im produzierenden Bereich setzen auf das sehr ambitionierte Umweltmanagementsystem EMAS oder sind im Prozess diese Zertifizierung zu erlangen. Im Lebensmittelbereich ist die Verwendung von Bio-Rohstoffen Standard, die Textilunternehmen nutzen oft den GOTS (Global Organic Textile Standard).


Lubomila, Du hast als Frau in der Tech-Bubble gegründet – hat sich das immer leicht angefühlt?

Lubomila: Gründen bringt immer bestimmte Herausforderungen mit sich. Die Komplexität variiert von Business zu Business, ein Selbstläufer ist Gründen indes nie. Es verlangt viel Hingabe und Flexibilität, aber auch Leadership-Qualitäten und strategische Weitsicht, um erfolgreich zu sein. Ich denke, wenn man das mitbringt und in der Lage ist, ein schlagkräftiges, leidenschaftliches und talentiertes Team um sich zu versammeln, stehen die Chancen gut, ein florierendes, widerstandsfähiges Unternehmen aufzubauen. Auf die Branche kommt es dabei eher weniger an.


Ist denn der Frauenanteil bei grünen Gründungen generell höher?

Katharina: Der Frauenanteil bei grünen Gründungen ist tatsächlich höher. Nach dem Female Founders Monitor liegt der Anteil der Startup-Gründerinnen in Deutschland bei 15,7%. Frauen setzen dabei häufig auf soziale und nachhaltige Geschäftsmodelle, dort liegt der Frauenanteil etwas höher (19%). Zuletzt stagnierte der Anteil jedoch. Daher dürfen wir uns darauf nicht ausruhen und können ruhig eine Schippe zulegen.


Der BNW und Plan A kooperieren seit 2021 und haben gemeinsam den Emissionsrechner an den Start gebracht. Was sind die Vorteile des kostenfreien Rechners für KMU?

Lubomila: Der Klimawandel hat jetzt schon verheerende Auswirkungen auf Menschen und Umwelt. Daher erfordert es entschlossenes Handeln und entschiedene Maßnahmen, um unsere Wirtschaft zu dekarbonisieren und ökonomisches Wachstum nachhaltig zu gestalten. Und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Deshalb haben wir zusammen mit dem BNW im September 2021 unseren Emissionsrechner live geschaltet. Er bietet KMU die Möglichkeit, eine erste realistische Einschätzung ihres Emissionsprofils zu erhalten. Hierzu stellt das Tool eine Reihe von Fragen zu den Unternehmensaktivitäten – vom Pendeln der Mitarbeiter bis zu den Ausgaben für Strom, Heizung oder andere Dienstleistungen – und sammelt so die notwendigen Daten über alle relevanten Emissionsbereiche hinweg. Anschließend werden die Treibhausgasemissionen berechnet und mit Branchenwerten verglichen. KMU bekommen so ein seriöses Abbild ihres Fußabdrucks. Ein erster Schritt auf ihrer Nachhaltigkeitsreise, dem dann weitere folgen müssen.


Kann der Rechner eine Klimabilanz/-strategie ersetzen?

Katharina: Nein, das kann er nicht! Er dient als Einstieg, um herauszufinden, wo die größten CO2-Emissionen im Unternehmen liegen. Beim Erstellen der Klimastrategie, der Bestimmung eines Dekarbonisierungspfades und dem Festlegen konkreter Maßnahmen ist es ratsam mit Beratungsagenturen – viele davon Mitglied im BNW – zusammenzuarbeiten, die jahrelange Expertise besitzen.


Wenn die Unternehmen einen ersten Einblick in ihre CO2-Bilanz gewonnen haben, zu welchen nächsten Schritten ratet ihr?

Lubomila: Wenn Unternehmen einen ersten Eindruck ihres CO2-Fußabdrucks haben, haben sie die größte Hürde im Prinzip schon genommen – nämlich den Mut zu haben, die eigene Nachhaltigkeitsreise zu starten. Das Thema wird meist als zu komplex und unbeherrschbar wahrgenommen. Fakt ist aber, dass es eine Reise ist, auf der kleine Schritte zum Ziel führen. Man muss nicht gleich den Everest besteigen, sondern sollte strukturiert vorgehen und sich realistische Ziele und Zeitrahmen setzen. Was der ersten Bilanzierung folgen sollte, ist Schritt für Schritt tiefer in die Analyse zu gehen und so ein immer umfangreicheres und detaillierteres Abbild seines Emissionsprofils zu erhalten. Dem folgt dann das Setzen von Paris-konformen Netto-Null-Zielen und die Dekarbonisierungsplanung. Letztere definiert sowohl eine langfristige Strategie, legt aber auch kurzfristige, greifbare Ziele fest. All das lässt sich mit unserer SaaS-Lösung (Software as a service) automatisieren.


CO2-Kompensation ist durchaus immer wieder in der Kritik. Was müssen Unternehmen beachten, wenn sie hier wirklich ambitioniert vorgehen wollen?

Katharina: Ein zentraler Aspekt bei der Klimabilanzierung ist der CO2-Fußabdruck. Bevor ein Unternehmen über Kompensation nachdenkt, sollte es sich die Frage stellen, welche Hebel es gibt, um die Emissionen zu reduzieren. Eine erste gute Maßnahme ist zum Beispiel der Wechsel zu einem echten Ökostromanbieter. Ein weiteres Instrument ist die Schaffung von Angeboten für emisionsarme Mitarbeitendenmobilität, zum Beispiel durch die Einführung von Jobrad bzw. Jobticket, oder die Umstellung des Fuhrparks auf E-Mobilität. Wichtig ist es, diesen Schritt nicht auszulassen oder zu überspringen. Die Kompensation von CO2 durch zertifizierte Projekte sollte nur der letzte Schritt sein.


Welche Themen bestimmen aus Eurer Sicht die Zukunft die Klimastrategie in Unternehmen?

Katharina: Die Zukunft der Klimastrategie wird in absehbarer Zeit mit regulatorischen Vorgaben verknüpft sein. Das betrifft dann nicht nur größere Unternehmen, sondern löst eine Art Kettenreaktion aus, denn die gesamte Wertschöpfungs- bzw. Lieferkette muss diese Vorgaben umsetzen. Dazu gehört auch die Berichterstattung über nichtfinanzielle Aspekte, wie beispielsweise CO2-Emissionen oder die Klimabilanzierung des Unternehmens. Zentral ist hierbei auch der CO2-Fußabdruck der einzelnen Produkte. Die CO2-Bilanzierung in der Lieferkette bleibt aufgrund der schwierigen Datenlage jedoch eine große Herausforderung. Hier ist noch viel gemeinsame Entwicklungsarbeit nötig.


Lubomila: Genau! Zu den regulatorischen Maßnahmen zählt insbesondere auch die Corporate Sustainability Reporting Directive. Mit ihr verpflichtet die EU-Kommission statt bisher 11.600 künftig fast 50.000 Unternehmen in der Europäischen Union, einen Nachhaltigkeitsbericht zu veröffentlichen. Banken, Investoren und die Öffentlichkeit erhalten somit standardisierte, zuverlässige und transparente Informationen über die ESG-Leistung der Unternehmen. Auch Greenwashing wird auf diese Weise ein Riegel vorgeschoben. In Deutschland werden rund 15.000 Unternehmen von der CSRD betroffen sein. Transparente und vergleichbare Offenlegung der ESG-Leistung ist dann verpflichtender Standard. Unternehmen täten gut daran, schon jetzt ihre Nachhaltigkeitsreise zu starten, um der Gesetzgebung voraus zu sein, Risiken zu reduzieren und die nachhaltige Transformation voranzutreiben.


Lubomila Jordanova ist Gründerin und Geschäftsführerin von PlanA.Earth, einem Berliner Start-Up das eine Plattformlösung zur Messung und Reduktion des ökologischen Fußabdrucks bietet. Sie ist außerdem Co-Gründerin der Greentech Alliance, einer Community von mehr als 500 Startups und über 350 Beratern aus der Wirtschaft, Media und Venture Capital. Vor der Gründung von Plan A, arbeitete Lubomila im Finanzsektor in Asien und Europa. Sie wurde für ihre Arbeit und ihr Engagement als Marshall Fund Fellow 2021 und als eine der Top 100 Frauen 2020 in Deutschland ausgezeichnet.

Dr. Katharina Reuter ist eine mehrfach ausgezeichnete Agrarökonomin und gibt als Geschäftsführerin des BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft der nachhaltigen Wirtschaft eine Stimme. Sie ist bereits seit über 15 Jahren Geschäftsführerin führender Nachhaltigkeitsorganisationen und verfügt über umfangreiche Erfahrungen in der Arbeit mit Unternehmen. Mit ihren Impulsen, Podcasts und Vorträgen zu Themen wie wahre Preise, nachhaltiger Unternehmensführung oder CO2-Bepreisung trägt sie aktiv zur öffentlichen politischen Debatte bei. Durch zahlreiche Publikationen und als Mitbegründerin von Entrepreneurs For Future und der European Sustainable Business Federation hat Katharina innovative Ideen geprägt und verbreitet. Ihre Expertise wird als Jurymitglied des Deutschen Umweltpreises und in verschiedenen Beiräten geschätzt.