In der Serie zum Purpose- und gemeinwohlorientierten Wirtschaften stellt der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft Unternehmen vor, die sich gegen ein rein gewinnmaximierendes Modell entschieden haben. Die Blogserie „Purpose Economy“ soll praktische Denkansätze zu den Themen Gemeinwohlökonomie, Postwachstum & Suffizienz liefern.

Das Interview wurde mit Sebastian Sladek, Vorstandsmitglied der EWS Elektrizitätswerke Schönau eG, geführt (Homepage EWS Schönau).

Bitte beschreiben Sie kurz die EWS Schönau. Was macht ihr Unternehmen aus?

Die EWS sind aus einer Bürgerinitiative gegen Atomkraft entstanden, darin begründet sich bis heute die Ausrichtung. Wir sind der lebende Beweis, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Energieversorgung auch selbst in die Hand nehmen können. Unsere Ausrichtung ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Umsetzung einer dezentralen, bürgernahen Energiewende und wirksamer Klimaschutz. Mit dieser Haltung konnten wir stand heute 10.000 Genossenschaftsmitglieder und 230.000 Kundinnen und Kunden gewinnen. Was für uns heißt: wir sind mit unserer Haltung nicht alleine.

Mit dem Modellprojekt „Dreifacher Klimaschutz“ möchten Sie Kund:innen dabei unterstützen weniger Strom zu verbrauchen. Mit der Initiative SOLAR365 fördern Sie zusätzlich den Ausbau von Photovoltaikanlagen für Privathaushalte und unterstützen Ihre Kund:innen dabei, die Energieerzeugung selbst in die Hand zu nehmen. Damit verzichten Sie bewusst auf Wachstum. Warum?

Energiesparen und der Zubau regenerative Energie sind wichtige Säulen auf dem Weg zur Klimaneutralität und insofern auch Teil unseres Geschäftszwecks. In diesem Rahmen sind die Projekte „Dreifacher Klimaschutz“ und „Solar365“ zu verorten. Mit dem Projekt „Dreifacher Klimaschutz“ ermöglichen wir erstens Kundinnen und Kunden, durch eine Energieberatung Stromkosten zu sparen. Das Geld, das dabei gespart wird, soll zweitens für den Bau von Photovoltaikanlagen investiert werden. Mit der Vermarktung des Ökostroms aus diesen Anlagen wiederum werden drittens weitere Klimaschutz-Projekte gefördert.

Die Initiative SOLAR365 zielt wie zahlreiche weitere Projekte, die wir aus dem Förderprogramm unterstützen, auf den Bau von PV-Anlagen ab, um möglichst schnell möglichst viel Energie aus nachhaltigen Quellen zu produzieren.

Ein Verzicht auf Wachstum ist dies nur insoweit, als Wachstum rein betriebswirtschaftlich interpretiert wird. Als EWS verzichten wir kurzfristig auf Umsatz, langfristig aber sehen wir unsere Aufgabe sowohl in der Produktion und Vermarktung regenerativer Energie als auch im Bereich Energiesparen. Nur in der Kombination aus beidem ist die Energiewende hin zu einer Versorgung aus rein regenerativer Produktion machbar.

Gab es ein konkretes Ereignis, warum Sie sich als Unternehmen auf den Weg des bewussten Wachstums/Postwachstums begeben haben?

Wir haben uns das nie auf die Fahnen geschrieben. Dass wir uns nicht auf Wachstum ausrichten, kommt aus unserem Selbstverständnis, das in der Bürgerinitiative begründet ist, aus der wir hervorgegangen sind. Weil es unser Stromversorger damals nicht zugelassen hatte, wollten wir die Dinge selbst in die Hand nehmen und uns mit der Übernahme des Stromnetzes unabhängig von der Atomkraft machen. Geld verdienen hatten wir da nicht im Sinn. Und heute im Angesicht der gefährlichen Klimakrise und der Schwerfälligkeit von Politik und Gesellschaft heißt es um so mehr, die Dinge in die Hand zu nehmen und so viel CO2 einzusparen wie nur möglich, ohne dabei auf mögliche Gewinne zu starren.

Schon vor 50 Jahren hat der Club of Rome mit den „Grenzen des Wachstums“ deutlich gemacht, dass ein Weiter-so die Ökosysteme der Welt zerstören wird. Tschernobyl und Fukushima haben die Grenzen der Atomwirtschaft aufgezeigt, der Klimawandel macht sie für die fossilen Energien sehr deutlich sichtbar. Neben einem sehr schnellen und umfassenden Ausbau der Erneuerbaren brauchen wir zwingend auch geistige und finanzielle Investitionen in alle Bereiche, die Energie einzusparen helfen. Dazu gehören die gesamte Kreislaufwirtschaft und Recycling, aber auch das Einsparen von Wegen etwa durch eine regional wirtschaftende ökologische Landwirtschaft. Hier kooperieren wir mit zahlreichen Verbänden und Initiativen.

Welchen Herausforderungen begegnen Sie auf Ihrem Weg? Gab es Widerstände, zum Beispiel von Mitarbeitenden oder Mitbewerbern?

Wenn etwas die EWS ausmacht, dann sind es ihre Mitarbeitenden. Natürlich gibt es mal Reibereien und Debatten, wir sind ja alle nur Menschen, aber uns alle eint dasselbe Ziel, nämlich Energiewende und Klimaschutz konsequent umzusetzen, um unseren Planeten lebenswert zu erhalten. Daraus erwachsen unsere Kraft und Kreativität. Mit unseren Mitbewerbern eint uns die politische Stoßrichtung, deshalb arbeiten wir auch mit ihnen zusammen, wenn es darum geht die politischen Rahmenbedingungen für unsere Ziele zu verbessern.

Wenn wir auf das Jahr 2050 blicken, verkauft die EWS noch Energie?

Das ist ein Blick in die Glaskugel, insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, der einer Zeitenwende gleichkommt. Optimistisch gehen wir davon aus, dass, zumindest in Westeuropa zu diesem Zeitpunkt die Klimaneutralität erreicht ist. Aber auch dieser Zustand ist, genauso wie die Demokratie, keiner, der sich von selbst erhält. Er muss in einer sich verändernden Welt voraussichtlich aktiv erhalten werden. Welche Arbeitsfelder sich daraus ergeben, ist konkret schwer zu sagen. Wir stehen für eine dezentrale und bürgernahe Stromversorgung mit erneuerbaren Energien. Es ist wohl nicht auszuschließen, dass wir auch in 28 Jahren noch als Stromversorger und Projektierer von Erzeugungsanlagen auftreten. Wir wollen aber als Unternehmen den Klimaschutz zunehmend ganzheitlich denken. Heute arbeiten wir an der Erreichung der Klimaneutralität, zukünftig vielleicht an der notwendigen Erhaltung.


Sebastian Sladek ist in Schönau im Schwarzwald aufgewachsen und zur Schule gegangen. Am heimischen Esszimmertisch erlebte er mit, wie seine Eltern mit ihren Mitstreiter:innen gegen die Atomenergie aufbegehrten, „kurzerhand“ das Schönauer Stromnetz übernahmen und die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) als Bürgergesellschaft gründeten. Nach seinem Archäologiestudium und anschließenden Ausgrabungstätigkeiten kehrte er nach Schönau zurück und trat in die EWS ein. Seit 2015 ist er Mitglied des Vorstandes. Für die EWS eG verantwortet er den Geschäftsbereich „Politik und Kommunikation“.


Das Projekt “Purpose- und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften für mehr Resilienz in Krisensituationen” wird gefördert durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Die Mittelbereitstellung erfolgt auf Beschluss des Deutschen Bundestages.