In der aktuellen Diskussion über Antworten auf soziale und ökologische Fragen steht ein Begriff immer wieder im Fokus: Sozialunternehmertum. Spätestens seitdem die EU-Kommission 2017 die Social-Business-Initiative (SBI) ins Leben gerufen hat, ist diese Debatte auch in Deutschland angekommen.

Obwohl es in Deutschland schon zahlreiche Sozialunternehmen wie die BNW-Mitglieder Ecosia, AfB, LemonAid und Quartiermeister gibt, existiert in Deutschland noch keine offizielle Definition von Sozialunternehmertum. In ihrem Koalitionsvertrag hat die neue Bundesregierung nun eine nationale Strategie für Sozialunternehmen festgeschrieben, um gemeinwohlorientierte Unternehmen und soziale Innovationen stärker zu unterstützen.

Doch warum stehen Sozialunternehmen überhaupt in der Diskussion? Und wie werden sie in anderen Ländern definiert und gefördert? In diesem Beitrag wollen wir zeigen, was das Sozialunternehmertum ausmacht und welchen Umgang andere Länder mit ihnen gefunden haben.

Die EU-Kommission definiert Sozialunternehmen als solche Unternehmen, für die das soziale oder gesellschaftliche gemeinnützige Ziel Sinn und Zweck ihrer Geschäftstätigkeit darstellt. Damit einher geht oftmals ein hohes Maß an sozialer Innovation und eine Reinvestition von Gewinnen, sodass das festgelegte soziale oder ökologische Ziel erreicht wird. Auch in der Organisationsstruktur und den Eigentumsverhältnissen spiegelt sich dieses Ziel wider, zum Beispiel durch Mitbestimmung und Mitarbeiterbeteiligung sowie einer Ausrichtung auf soziale Gerechtigkeit. Ein konsequentes Beispiel ist Ecosia – sowohl von der Zweckbindung als auch für den Eigentumsstruktur (Verantwortungseigentum). Mit seinen Einnahmen aus Werbenanzeigen bei seinen Suchanfragen, pflanzt das Unternehmen Bäume und will so das Problem des Klimawandels entgegen wirken. Damit verfolgt es ein herkömmliches Geschäftsmodell, möchte damit aber ein Problem lösen und nicht den Stakeholder-Value erhöhen.

Die Entwicklung von Sozialunternehmertum in Deutschland ist durchaus dynamisch zu bewerten, wie der Deutschen Social Entrepreneurship Monitor (DESM) zeigt. Unser Mitglied SEND e.V. (Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e. V.) und das Euclid Network befragen in ihrer Studie Sozialunternehmer:innen nach dem Status ihrer Organisation. Auf diese Weise können die Potentiale, Bedürfnisse und Herausforderungen von Social Entrepreneurs besser verstanden werden.

Die Bundesregierung will in dieser Legislaturperiode an einer eigenen Definition für Sozialunternehmen arbeiten. Die klare Definition wird helfen, Finanzierungs- und Förderungshürden abzubauen. Im Koalitionsvertrag ist außerdem verankert, dass für Unternehmen in Verantwortungseigentum eine neue Rechtsform geschaffen werden soll. Der BNW hatte sich gemeinsam mit der Stiftung Verantwortungseigentum und weiteren Akteuren dafür stark gemacht.

In Frankreich wurde schon 2014 das Gesetz für Sozial- und Solidarwirtschaft verabschiedet und damit die Rechtsform für l‘économie sociale et solidaire (ESS) geschaffen sowie ein oberster Rat für Sozial- und Solidarwirtschaft in der Regierung verankert.
Im Zuge dessen wurden auch die Rahmenbedingungen für Sozialunternehmen gesetzt, zum Beispiel durch die Festlegung, dass der unternehmerische Teil der Unternehmen ein signifikanten Einfluss auf die wirtschaftlichen Ergebnisse und die Rentabilität des Unternehmens haben muss. Dadurch soll gewährleistet werden, dass solche Unternehmen nicht von externen Geldgebern:innen beeinflusst werden, aber weiterhin marktwirtschaftlichen Prinzipien nachgehen. Gleichzeitig soll die Erreichung des festgelegten Ziels eines Sozialunternehmens über eine Gewinnbeteiligung hinausgehen. Das heißt, die Lösung des vorher festgestellten Problems soll durch die Tätigkeit des Unternehmens selbst erfüllt werden und nicht durch Spenden oder soziale Investitionen.

Förderprogramme in anderen Ländern

Um Sozialunternehmertum attraktiver zu machen, unterstützt Frankreich die Unternehmen durch eine eigene Entwicklungsstrategie und regionale Sozialwirtschaftskonferenzen. Darüber hinaus gibt es mehrere Fonds zur (Start-)Finanzierung von angehenden Sozialunternehmen. Die Gelder aus diesen Fonds sind meist mit Überwachungs- und Messinstrumenten verknüpft, sodass die Wirkung der Sozialunternehmen in regelmäßigen Abständen evaluiert werden kann. Rechtlich wurde es Unternehmen erleichtert, sogenannte Arbeitergesellschaften zu gründen und damit einen Unternehmensverkauf zu verhindern, um die unternehmensinternen Werte und Ziele auch bei einem Führungswechsel beizubehalten. Eine solche rechtliche Definition für Sozialunternehmen existiert in Deutschland derzeit noch nicht, was es vielen unattraktiv und unnötig schwer macht, ihr Unternehmen als Sozialunternehmen aufzustellen oder eines zu gründen. Außerdem gibt es in Frankreich 72 Studiengänge mit Bezug zu Solidarwirtschaft und Sozialunternehmen, wodurch das Thema auch eine zentrale Rolle in den Wirtschaftswissenschaften spielt und diese neue Art zu wirtschaften auch wissenschaftlich betrachtet und weiterentwickelt werden kann.

Eine andere interessante Unterstützungsmöglichkeit für Sozialunternehmen hat Großbritannien gefunden. Dort wird durch sogenannte Social Impact Bonds die Gründung von Sozialunternehmen erleichtert. Bei dieser Art der sozialen Investition werden die initialen Gelder der Investoren bei Erreichen der Unternehmensziele zurückgezahlt und durch staatliche Renditen ergänzt. So werden Gründungsrisiken minimiert und Investitionsanreize maximiert. Die Gelder aus den Social Impact Bonds sind wie in Frankreich an Wirkungsmessungen gebunden und werden von Beratungsangeboten begleitet. Um die Investitionsbereitschaft und damit das Gründungspotential von Sozialunternehmen zu erhöhen, lief in Großbritannien bis 2017 außerdem das Programm „Big Potential“, bei dem Unternehmen Startkapital aus öffentlichen Geldern zur Verfügung gestellt wurde. Dieses wurde mit Unterstützungsleistungen wie Geschäfts- und Finanzplanung, Wirkungsmessung und Einrichtungen von Berichtssystemen gekoppelt. So wurden knapp 400 Unternehmen mit Geldern zwischen 20.000 und 150.000 Pfund unterstützt.

Sozialunternehmertum beim BNW

Der BNW unterstützt das Vorhaben der Bundesregierung Sozialunternehmertum zu fördern, Gründungshürden abzubauen und finanzielle Starthilfe zu leisten. Was es nun braucht ist Rechtssicherheit für Unternehmer:innen, die ihr Unternehmen als Sozialunternehmen aufstellen oder eines gründen möchten. Die Gesellschaft mit gebundenen Vermögen stellt dabei die aussichtsreichste Möglichkeit dar. Gleichzeitig müssen aber weitere Finanzierungs- und Unterstützungsinstrumente gefunden werden. Die nationale Strategie für Sozialunternehmen der Bundesregierung ist dabei eine Chance, die es zu nutzen gilt. Aktuell laufen dazu Gespräche unter anderem mit dem BMWK und BMBF. Sozialunternehmerin und BNW-Vorständin Alma Spribille wird das Thema auch in den Mittelstandsbeirat von Wirtschaftsminister Robert Habeck tragen.

Im Vorfeld der Bundestagswahl setzte sich der BNW gemeinsam mit SEND e.V. und weiteren transformativen Organisationen für eine soziale Innovationsstrategie ein. Eine von fünf zentralen Forderungen des BNW adressierte gemeinwohlorientiertes Wirtschaften und soziale Innovationen: „Die Bundesregierung entwickelt eine soziale Innovationsstrategie für die Förderung nachhaltig wirtschaftender, gemeinwohlorientierter Unternehmen.“
Diese und weitere Forderungen können Sie hier nachlesen.

Auch Sozialunternehmerin und BNW-Vorständin Alyssa Jade McDonald-Bärtl vertritt die Anliegen von Social Entrepreneurship im SINA-Beirat („Soziale Innovationen für Nachhaltigkeit“). Im Auftrag des BMUV untersucht dort Yunus Environment Hub zusammen mit den Expert:innen das Potenzial sozialer Innovationen und formuliert politische Handlungsempfehlungen zu deren Förderung und Unterstützung.

Darüber hinaus hilft das BNW-Mitglied Center for Open Social Innovation (COSI) Unternehmen nicht nur dabei soziale Innovationen voranzutreiben, sondern veranstalten auch den Wettbewerb European Impact Hero, zusammen mit unserem europäischen Dachverband ecopreneur. Der Wettbewerb zeichnet Start-ups aus, die sich in der Nachhaltigkeits-Branche innovativ und erfolgsversprechend etabliert haben. Darüber hinaus werden wertvolle europäische Netzwerke geknüpft, die Sozialunternehmertum voranbringen und wertvolle Synergie-Effekte hervorruft.

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