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„Ich bin und bleibe eine politische Präsidentin“

Nachhaltige Wirtschaftspolitik
Muhterem Aras, Mitglied im Vorstand von UnternehmensGrün, wurde im Mai 2016 zur Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg gewählt. Was hat sie sich vorgenommen? Und wie will sie sich auch ihr umweltpolitisches Engagement in der neuen Rolle erhalten? Liebe Muhterem Aras, zunächst herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl zur Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg! Sie sind jetzt zwei Monate im Amt, wie hat sich Ihr Leben verändert? Muhterem Aras: Ziemlich stark. Ich bin praktisch gar nicht mehr in meinem Beruf als Steuerberaterin tätig. Und die Arbeit der Landtagspräsidentin ist eine ganz andere als die einer Abgeordneten. Bisher habe ich als Finanzpolitikerin für meine Themen gekämpft. Als Präsidentin repräsentiere ich nun den ganzen Landtag und stehe für Neutralität und Objektivität. Es sind viele neue Aufgaben,  die ich zu bewältigen habe. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich dieses hohe, unglaublich schöne Amt innehaben darf. Wie schwer fällt es Ihnen, Ihren Einsatz für Sachthemen beiseite zu legen? Ich kann bei öffentlichen Auftritten, in Grußworten oder in Stellungnahmen durchaus politische Akzente setzen. Schon meine Wahl als Landtagspräsidentin ist ja ein politisches Statement: Ich bin in diesem Amt in Baden-Württemberg die erste Frau und habe dann auch noch einen Migrationshintergrund. Ich bin und bleibe eine politische Präsidentin. Sie sind im Vorstand von UnternehmensGrün. Ist Ihre Wahl auch ein Zeichen dafür, Wirtschaft stärker an Nachhaltigkeit zu orientieren? Das wünsche ich mir. Aber ich glaube nicht, dass dieses Thema schon so stark mit meiner Person verbunden wird. Zumal: Dass Nachhaltigkeit wichtig ist, ist vor allem in Baden-Württemberg in allen Gesellschaftsschichten Konsens. Baden-Württemberg gilt als Land der Tüftler und Denker und setzt in Sachen Wirtschaft und Nachhaltigkeit Maßstäbe. Welches persönliche Erlebnis hat Sie für Umwelt und Nachhaltigkeit sensibilisiert? In die Grüne Partei bin ich eher wegen der Menschenrechts-Themen eingetreten. Zumal ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr in Anatolien auf dem Land aufgewachsen bin. Und das war ein reines Naturparadies, dort gab es wenig Anlass, sich Sorgen um die Umwelt zu machen. Das erste Umweltthema war in meiner Familie Tschernobyl. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen, aber auch meine Eltern haben sich gefragt: Oh Gott, können wir dieses und jenes jetzt essen? Können die Kinder draußen spielen? Wer hat diese Themen in die Familie getragen? Mutter oder Vater? Beide eigentlich. Auch wenn ich glaube, dass meine Mutter mich mehr geprägt hat. Haben Sie von ihr Durchsetzungsfähigkeit und Engagement geerbt? Mein Vater hat Nachrichten geschaut und Zeitungen gelesen und war dadurch informiert. Meine Mutter ist Analphabetin, sie konnte das nicht. Aber in Sachen Durchsetzungsfähigkeit hatte mein Vater weniger Einfluss als meine Mutter. Zurück zur Natur: Was heißt für Sie heute Grünes Wirtschaften? Ressourcenschonend zu wirtschaften; die Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wachstum; dass man aus möglichst wenig Ressourcen das Maximum rausholt. Und natürlich gehört auch Generationengerechtigkeit zum Grünen Wirtschaften. Aus Baden-Württemberg kommen UnternehmensGrün, kommt die Wirtschaftsinitiative Nachhaltigkeit und es gibt erstmalig auf Landesebene eine grün-schwarze Regierung. Warum kommen so viele grüne Wirtschafts-Initiativen aus Ihrem Bundesland? Baden-Württemberg wird nicht umsonst das Land der Tüftler und Denker genannt. Hier haben viele Betriebe in der Garage angefangen und sind heute Weltmarktführer. Es ging immer darum, neue, verbesserte Verfahren zu finden und weniger Ressourcen zu verbrauchen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Die baden-württembergischen Unternehmen haben sehr früh begriffen, dass Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sind, sondern dass man als Unternehmen langfristig nur erfolgreich sein kann, wenn man hier eine vernünftige Balance findet. Das ist das Patentrezept unserer Unternehmen, und ich glaube, dass diese Tüftler Nachahmer finden. Wir können anderen Ländern ermöglichen, einen hohen Wohlstand zu erreichen, ohne dafür jahrzehntelang Ressourcen zu vergeuden. Können wir selbst unseren hohen Lebensstandard halten und gleichzeitig nachhaltig sein? Ja, auf jeden Fall. Man muss aber klar sagen: Ohne Nachhaltigkeit können wir unseren Lebensstandard nicht halten. Das ist wie in der Finanzwirtschaft: Wenn ich meine Ressourcen verbrauche, indem ich immer mehr Schulden aufnehme, dann nehme ich den nächsten Generationen den Gestaltungsspielraum. Dabei hätten die vielleicht ganz andere innovative Ideen. Wir brauchen Nachhaltigkeit, um unseren Wohlstand zu halten und langfristig sogar zu erhöhen. Ein Land wie Baden-Württemberg hat enorme intellektuelle und finanzielle Ressourcen, es kann sich die Investitionen in eine Nachhaltigkeits-Wende leisten. Was raten Sie einem Schwellenland wie der Türkei, denen diese Weichenstellung ungleich schwerer fällt? Das ist richtig. Aber wenn wir als baden-württembergische Unternehmen den Beweis bringen, dass man mit weniger Ressourcenverbrauch erfolgreich sein kann, dann können andere Länder die Jahrzehnte des hohen Ressourcenverbrauchs überspringen. Die Türkei hat gerade im Bereich der regenerativen Energie unglaubliche Potenziale. Wenn wir in Baden-Württemberg die Technik immer weiter verfeinern, dann hat die Türkei von den natürlichen Gegebenheiten her ein vielfach größeres Potenzial, die erneuerbaren Energien zu nutzen. Unsere Unternehmen wissen, dass man Know-how auch exportieren kann. Das hilft der Umwelt, den Schwellenländern und unseren Firmen. Sehen Sie in der Türkei schon ein Umdenken? Ehrlich gesagt: Das ist in bestimmten Bereichen noch marginal. Da ist noch deutlich Luft nach oben. Sie sind jetzt für fünf Jahre Landtagspräsidentin. Was haben Sie sich vorgenommen? Ich wünsche mir, dass die Parlamentsdebatten auch in schwierigen Zeiten würdevoll, fair und respektvoll ablaufen werden. Und dass die Parlamentsarbeit den Bürgerinnen und Bürgern besser nähergebracht wird, denn die Landesparlamente stehen heute im Ranking der Bürger nicht ganz oben - diplomatisch ausgedrückt. Drittens möchte ich eine Grundwertedebatte anstoßen: Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Es gibt keine Garantie, dass dieser Zusammenhalt bestehen bleibt. Wir müssen unsere Grundwerte immer wieder definieren und verteidigen. Welche drei Adjektive sollen den Leuten in den Sinn kommen, wenn sie nach Ihrer Amtszeit an Sie persönlich zurückdenken? Dass ich bodenständig geblieben bin und die Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern nicht verloren habe, dass ich Politik leidenschaftlich und mit Herzblut mache. Und dass ich trotz aller Schwierigkeiten eigenständig geblieben bin. Viel Erfolg! Und herzlichen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Marcus Franken, Agentur Ahnen&Enkel Bild: Lena Lux Fotografie