Nachhaltige Beschaffung: Warum umweltfreundlichere Produkte oft unsichtbar bleiben
Ein Gastbeitrag von BNW-Mitglied SUSTAYNR GmbH
Verantwortungsbewusst einkaufen wollen – und trotzdem nicht können
Es liegt selten am fehlenden Willen. Viele Unternehmen und öffentliche Beschaffungsstellen sollen – und wollen – verantwortungsbewusster einkaufen. Das Problem beginnt an der Stelle, an der aus diesem Anspruch eine konkrete Auswahlentscheidung wird. Wer heute Bürostühle, Monitore, Reinigungsmittel oder Arbeitskleidung beschafft, findet in digitalen Katalogen alles, was die Filter der Einkaufsplattformen auf einen Klick „ausspucken“: Farbe, Hersteller, Preis. Ausgerechnet das, was politisch eigentlich gewollt ist, wird nicht transparent: eine Möglichkeit, Artikel zuverlässig nach ihrer tatsächlichen Umwelt- und Sozialverträglichkeit zu vergleichen.
81 Prozent wären dabei
Dabei zeigt eine BearingPoint-Studie aus dem Jahr 2024: 81 Prozent der befragten Unternehmen und Organisationen halten nachhaltige Beschaffung für wichtig, aber nur 23 Prozent sehen sich personell und zeitlich in der Lage, sie systematisch umzusetzen. Das verweist nicht auf ein individuelles Versäumnis einzelner Einkaufsabteilungen, sondern auf ein strukturelles Problem der digitalen Beschaffungsinfrastruktur.
Einkäufer:innen sind keine „Suchmaschinen“
Informationen zur Nachhaltigkeit von Produkten sind durchaus auffindbar, aber oft nur verstreut. Sie folgen keiner einheitlichen Logik und lassen sich nur mit erheblichem Aufwand auswerten. Einkäuferinnen und Einkäufer müssten die Daten aus Produktblättern, Herstellerangaben, Zertifikaten und Kriterienkatalogen zusammentragen und gegeneinander abwägen – für jede Warengruppe neu. Das kostet Zeit und Geld. Im stressigen Bestellalltag geschieht deshalb etwas Ernüchterndes: Wenn der nachhaltigere Artikel in der Trefferliste nicht zufällig weit vorne auftaucht, landet er meist auch nicht im Warenkorb.
Zertifiziert ist nicht gleich besser
Die bekannten Umweltzertifikate und -labels stoßen an gläserne Decken. Blauer Engel, EU Ecolabel, internationale Standards – sie sind wichtig, weil sie Mindeststandards setzen und Orientierung geben. Aber sie beantworten nicht die Frage, die bei der Vergabe wirklich zählt: Welcher von zwei zertifizierten Artikeln ist die bessere Wahl?
Das Problem liegt im Setup. Die etablierten Labels funktionieren als Ja-Nein-Entscheidung: Wer den Mindeststandard erfüllt, ist drin – unabhängig davon, ob ein Produkt ihn nur knapp erfüllt oder um Längen übertrifft. Wer als Hersteller deutlich darüber hinausgeht – durch bessere Materialien, längere Haltbarkeit oder überprüfbare Sozialstandards in der Lieferkette – hat davon häufig keinen Marktvorteil. Sein Produkt steht in der Trefferliste gleichauf mit einem, das nur die nötigsten ESG-Anforderungen abdeckt – und wird womöglich nicht gekauft, weil es ein paar Euro teurer ist. Für die Beschaffung ist das eine verschenkte Steuerungsmöglichkeit – für nachhaltige Produzenten ein echter Wettbewerbsnachteil.
Blinder Fleck mit System
Das ist kein Nischenproblem – und es löst sich auch nicht durch guten Willen. Der Osnabrücker Rechtswissenschaftler Christoph Busch, Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen, hat in einer Studie untersucht, wie Online-Shops gebaut sein müssten, damit umweltbewusstes Einkaufen überhaupt funktioniert. Sein Fazit: Nachhaltigkeit ist bislang der blinde Fleck im digitalen Handel. Freiwillige Kennzeichnungen einzelner Anbieter schaffen keine Vergleichbarkeit – sie erzeugen vor allem unklare Versprechen. Busch plädiert dafür, Betreiber gesetzlich in die Pflicht zu nehmen: Wer einen digitalen Marktplatz betreibt, soll nachhaltiges Einkaufen nicht als Zusatzfeature anbieten, sondern fest einbauen. Der BNW hat die Studie als Leseempfehlung veröffentlicht.
Auch in der Vergabepolitik wächst der Druck. In seiner Stellungnahme zum Vergabebeschleunigungsgesetz (2025) kritisiert der BNW, dass der Entwurf eine entscheidende Frage offenlässt: Wie soll öffentliche Beschaffung Leitmärkte für klimafreundliche Produkte schaffen? Genau das steht im Koalitionsvertrag. Gefordert werden nichtpreisliche Kriterien, Lebenszykluskosten und ein öffentliches Nachhaltigkeits-Dashboard. Die Stoßrichtung ist dieselbe: Wer besser abschneidet, verdient, dass Einkäufer:innen ihn auch finden.
Von 0 auf 100
Wer nach einem digitalen Tool sucht, das Nachhaltigkeit auf Produktebene tatsächlich messbar macht, landet derzeit bei einer Lösung: dem ESG-Score. Das Prinzip ist einfach – und erinnert an etwas, das jeder vom Supermarktregal kennt. Ähnlich wie der Nutri-Score auf Lebensmitteln bewertet der ESG-Score Produkte innerhalb einer Warengruppe auf einer Skala von 0 bis 100. Der Allzweckreiniger mit den geringsten Emissionen, der nachhaltigsten Verpackung und den verifizierten Sozialstandards in der Lieferkette bekommt zum Beispiel eine 100 – alle anderen messen sich daran. Und das warengruppenübergreifend: vom Bürostuhl über Schutzkleidung bis zur IT-Hardware.
Der Score wertet dabei aus, was ohnehin existiert – Herstellerangaben, Produktdatenblätter, Zertifizierungsrichtlinien anerkannter Umweltzeichen wie Blauer Engel, EU Ecolabel, TCO oder Cradle-to-Cradle. Was neu ist: Diese Informationen werden erstmals zusammengeführt, gewichtet und in eine einheitliche Kennzahl übersetzt – direkt integrierbar in bestehende Kataloge und Beschaffungssysteme, ohne Mehraufwand für Einkaufsabteilungen.
Anders als binäre Zertifizierungen weist der Score Nachhaltigkeit nicht als Ja-Nein-Eigenschaft aus, sondern als vergleichbare Größe. Für Hersteller, die in bessere Materialien, längere Lebensdauer oder sauberere Lieferketten investieren, bedeutet das erstmals einen messbaren Marktvorteil. Für Vergabeverfahren eröffnet es neue Möglichkeiten: Ein numerischer Score lässt sich in Ausschreibungen einsetzen, mit Preisen und Lebenszykluskosten verrechnen und vor Rechnungshöfen begründen. Was bislang als zu aufwendig galt, wird handhabbar.
Kein weiterer Leitfaden, stattdessen ein Hebel
Ob sich der Scoring-Ansatz breiter durchsetzt, hängt davon ab, ob weitere Beschaffungssysteme, Ausschreibungsplattformen und Kataloganbieter mitziehen. Erste Unternehmen und öffentliche Stellen nutzen den ESG-Score bereits, der Einkaufsverbund BME e.V. empfiehlt ihn seinen 13.000 Mitgliedern. Der Anfang ist gemacht, der politische Druck wächst. Was die Debatte um nachhaltige Beschaffung jedenfalls nicht mehr braucht, ist ein weiterer Leitfaden. Was sie braucht, ist eine digitale Infrastruktur, die bessere Nachhaltigkeitsleistung sichtbar macht. Erst dann wird aus dem erklärten Ziel ein Hebel, der funktioniert – im Warenkorb, in der Vergabe, im Wettbewerb.