Sozial. Stark. Sichtbar. - Wie Goldeimer einen stinkenden Abfallstoff in einen wertvollen Rohstoff verwandelt
Richtig Kacke – aber bitte im Kreislauf
Total erwischt
Scheiße. Im wahrsten Sinne des Wortes. Malte Schremmer plagte sich auf einer Projektreise von Viva con Agua in Ghana und Burkina Faso mit Durchfall. Dabei wurde ihm schmerzhaft bewusst, wie wenige öffentliche Toiletten es vor Ort gab. „Mir ist dort erstmals so richtig klar geworden, wie wichtig Sanitärversorgung und Hygiene für unsere Gesundheit ist. Und dass Kinder mit Mangelernährung an Durchfall sogar sterben können.“ Das Thema hatte ihn gepackt. Zurück an der Uni empfahl ihm sein Professor, für seine Bachelor-Arbeit in Geografie ein Thema vor der Haustür zu wählen und nicht tausende Kilometer entfernt. So beschloss Malte mit einem Studienkollegen den ersten Prototypen für eine Trockentoilette zu bauen, die ganz ohne Chemie auskommt.
„Ich wollte nie eine Firma gründen“
Geld verdienen ja, aber Unternehmer werden – nein! Das hatte Malte nie vor. Stattdessen schlitterte er zufällig in die Gründung hinein. „Eigentlich war ich als Jugendlicher eher unpolitisch“, sagt Malte. Doch schon mit 13 Jahren las er den Baader-Meinhoff-Komplex und auf Reisen nach dem Zivildienst sah er viele Missstände und Ungerechtigkeiten mit eigenen Augen. Das stimmte ihn nachdenklich. Den entscheidenden Impuls gab aber schließlich ein Spendenlauf von Viva con Agua. Auf der Strecke von Hamburg nach Basel lief Malte einige Kilometer mit und lernte dabei inspirierende Menschen kennen. „Mich hat angesprochen, dass jeder bei Viva con Agua Ideen einbringen und umsetzen konnte“, erinnert er sich. So gründete er 2014 mit einem Startkapital von der Viva con Agua Beteiligungs GmbH und Co KG und vier Mitstreitern Goldeimer. Die Mission: Allen Menschen weltweit den Zugang zu wasserfreien Klos ermöglichen und die Sanitärwende einleiten.
Wir haben viel Scheiße gefressen – aber mit Flatrate
Platsch! Auf Festivals ist mit konventionellen Chemie-Klos am ersten Tag meist noch alles in Ordnung. Doch dann wird es schlimmer – viel schlimmer. „Es war gar nicht so schwierig mit unserer Komposttoilette eine bessere Alternative anzubieten“, so Malte. Der Prototypen-Test unter Härtebedingungen, für die Festival-Betreiber kostenlos. Sonst wäre das Goldeimer-Team wegen der Rund-um-die-Uhr-Betreuung und Reinigung nicht konkurrenzfähig. Stattdessen führten sie eine Nutzungsgebühr ein – eine Klo-Flatrate. Kommentare wie: „Seid ihr verrückt geworden?“ oder „Ich bezahl doch nicht so viel Geld für eine Toilette!“, blieben nicht aus. Drei Monate auf Festivals schuften, dann neun Monate lang von den Einnahmen leben. So sahen die ersten Jahre als Unternehmer aus. Große Sprünge waren nicht drin, im Gegenteil. Existenzängste, ein hohes Stresslevel, Minimalismus und ständige Hochs und Tiefs prägten den Alltag. Doch schon im zweiten Jahr wurden Malte und seine Mitstreiter:innen erwartet. „Besucher:innen fragten nach unserem Standort, um ihr Zelt neben unseren Toiletten aufzuschlagen. Das ist natürlich das größte Lob, das man kriegen kann“, freut sich Malte.
„Genauso wie wir eine Energiewende brauchen oder eine Mobilitätswende, brauchen wir auch eine Sanitärwende“ – Malte Schremmer, Goldeimer
Die Sache mit dem Gehalt
Ein zittriges Augenlied. So fing es 2015 an – und hörte drei Monate lang nicht auf. Malte wusste, dass er die Notbremse ziehen musste. All die Monate zwischen Zelten, Zäunen und Pagoden, mit hohem Lärmpegel, wenig Schlaf und alkoholisierten Menschen forderten ihren Tribut. „Uns wurde klar: Das halten wir nicht noch zwei Jahre durch – wir müssen unser System verändern“, so Malte. So begannen sie mit dem Lizenzgeschäft ein zweites Standbein aufzubauen und Klopapier, Kleingartenprodukte, Bücher oder Socken zu verkaufen, um ganzjährig Umsätze zu machen. Doch das war noch nicht alles. Auch in anderer Hinsicht wollten sie unabhängiger werden – mit Verantwortungseigentum. Seitdem ist Goldeimer eine Firma, die mehrheitlich dem Team gehört. Das entscheidet nun überall mit, auch beim Gehalt. Sein Team könnte Malte als angestellten Geschäftsführer sogar feuern, doch genau das findet er gut. „Das ist die beste Anti-Korruptions-Maßnahme“, sagt Malte. Wohl auch ein Grund dafür, dass Goldeimer eine sehr niedrige Fluktuation und hoch motivierte Mitarbeitende hat – selbst in Krisenzeiten.
„Man muss nicht immer skalieren und schnell wachsen. Das tun traditionelle Handwerksbetriebe auch nicht. Am Ende ist das der Grund, warum wir nach 13 Jahren nicht insolvent gegangen, sondern immer noch da sind.“ – Malte Schremmer, Goldeimer
„Alle reden vom Ölpreis, dabei geht es um unsere Ernährung!“
Aus und vorbei. Das könnte bald für sauberes Trinkwasser gelten, denn es wird immer knapper. Gleichzeitig verlieren die Böden an Nährstoffen und Mineraldünger muss importiert werden. Kaum jemand weiß, dass für die Düngerherstellung importiertes LNG-Gas nötig ist. Damit wirkt sich die Blockade der Straße von Hormus auch auf unsere Ernährung aus. Dabei gäbe es längst einen anderen Weg. Stattdessen könnten 82 Millionen Harnblasen das Material für natürlichen Dünger liefern. Wenn da nicht eine Hürde wäre: die Düngemittel-Verordnung. Weil Kot oder Urin in Deutschland nicht als Abfallstoffe gelten, dürfen sie nicht landwirtschaftlich genutzt werden – eine große Hürde für die Sanitärwende.
Die Ernte einfahren
11 Tonnen Kompost: Ein Meilenstein und für Malte bis heute ein Gänsehautmoment. „So viel haben wir noch nie produziert, seit wir unsere eigene Kompostanlage in Betrieb genommen haben“, erzählt Malte. Aus Festivalrückständen, auf 70 Grad erwärmt und nachkompostiert, entsteht hygienisch einwandfreier Humus. Krankheitserreger überleben das nicht. Jedes Jahr kommen mehr Interessierte aus der Politik, um die Anlage zu inspizieren. Zwar herrscht viel Neugier, aber genauso viel Skepsis, etwa wegen Medikamentenresten oder den Kosten. Das ändert sich meist erst dann, wenn die Besucher:innen die krümelige schwarze Erde in den eigenen Händen halten. Die große Hoffnung: Dass die Kreislaufwirtschaft irgendwann zum Standard wird und wir unseren eigenen Dünger herstellen. „An wasserlosen, kreislauforientierten Sanitärsystemen führt gar kein Weg vorbei“, ist Malte sicher. Und möchte seiner Tochter mitgeben: Wer Privilegien und Möglichkeiten hat, trägt auch die Verantwortung, nicht immer den leichtesten Weg zu gehen.
Zur Kolumne:
Christine Harbig ist Filmproduzentin, Journalistin und BNW-Mitglied. Ihre Mission ist es, nachhaltige und soziale Unternehmen sichtbar zu machen. Denn es gibt bereits viele gute Ideen für eine bessere Zukunft – doch oft sind sie noch zu wenig bekannt. In der BNW-Reihe "Sozial. Stark. Sichtbar." porträtiert sie Sozialunternehmer:innen, die zeigen, wie alternatives Wirtschaften funktioniert und welche Chancen in ihren Geschäftsmodellen stecken.