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Sozial. Stark. Sichtbar. - Wie RECUP Nachhaltigkeit, mentale Gesundheit und Wirtschaftlichkeit zusammenbringt

„Can, du läufst heiß." Uff. Sätze wie diesen sagt selten jemand zum Chef. Bei RECUP schon. Denn hinter den bekannten Pfandbechern und Mehrwegschalen steckt nicht nur ein System gegen das Müllproblem, sondern auch ein Team, das gelernt hat, harten Zeiten zu trotzen. Und aufeinander zu achten, auch wenn jeden Tag Veränderungen anstehen. Wie viel Kawumms braucht es, um nicht aus der Kurve zu fliegen?

Sozial. Stark. Sichtbar. Mitgliedsunternehmen Interview
Mann mit Brille und schwarzem T-Shirt in modernem Büroraum mit grünen Pflanzen im Hintergrund. Links das RECUP-Logo. Rechts Porträtfoto des Mannes, lächelnd.

Kawumms ohne erhobenen Zeigefinger

Mit Capri Sonne im Schulranzen 

Capri Sonne und tiefgefrorene Tortellini ist Can Lewandowski aufgewachsen. „Tatsächlich war meine Kindheit weniger von Umweltbewusstsein geprägt, sondern eher vom Thema Verzicht“, erinnert er sich. Nach dem Abi war er der Erste in seiner Familie, der studierte. Für Can hieß Nachhaltigkeit deshalb schon früh: mit dem auszukommen, was da war. Diese Erfahrung nahm er mit ins Studium der Wirtschaftswissenschaften und wunderte sich, dass Nachhaltigkeit dort meist als Nischenthema behandelt wurde. Und noch etwas entdeckte Can während seines Studiums: seine Leidenschaft fürs Kochen. Beides brachte er schließlich zusammen. Denn während er in Cafés jobbte, sah er jeden Tag, wie sich Einwegverpackungen im Mülleimer stapelten. Was für eine Verschwendung! Das muss doch anders gehen. So entwickelte er einen Mehrwegbecher, den er prompt dem Café-Betreiber pitchte, bei dem er jobbte. Diesen Mut zur Veränderung hat Can behalten – auch als Geschäftsführer von RECUP. Aber was passiert, wenn Veränderung mehr Kraft kostet als gedacht?

Nicht mehr als 100 Energieperlen 

Bumm. Energie futsch. So erging es RECUP-Gründer Fabian Eckert, der in einen Burnout schlitterte. Seine Erfahrung veränderte RECUP nachhaltig. Denn plötzlich stand die Frage im Raum, wie Menschen gesund bleiben, die sich jeden Tag für eine bessere Welt einsetzen. RECUPs Antwort: Mitarbeitende können bis zu zehnmal pro Jahr anonyme Coaching-Sessions oder Mindfulness-Trainings nutzen. Auch Can kennt die Tendenz, zu viel zu machen. Manchmal sprechen ihn Mitarbeitende darauf an, ob er gerade heißlaufe und genug auf sich achte. Für ihn ist klar: Mehr arbeiten heißt nicht mehr leisten. „Ich sage immer, jeder von uns hat 100 Energieperlen zur Verfügung. Wenn die weg sind, können wir nicht einfach 20 neue machen. Das geht nicht. Wir müssen regenerieren.“ Auch wenn es schwerfällt. Für manche fühlt sich Hilfe anzunehmen immer noch wie eine Niederlage an. Das Coaching-Angebot könnte noch stärker genutzt werden. Aber die Arbeitskultur prägt es allemal: „Es ist echt cool, dass wir eine Organisationskultur etabliert haben, in der wir aufeinander achten“, sagt Can. Soziale Verantwortung heißt allerdings manchmal auch, Grenzen zu ziehen. 

„Ich halte nichts davon, dass in der Gründungsszene so getan wird, als könne man dauerhaft 80 Stunden pro Woche auf einer Arschbacke absitzen. Die Frage ist eher, was in der Zeit bewegt wird.“ – Can Lewandowski, Geschäftsführer von RECUP

Wo hört Verantwortung auf?

Crunch, crunch, crunch. Guten Appetit. Aber was raschelt da eigentlich auf dem Mittagstisch? Doch nicht etwa eine Einwegverpackung? Wäre das bei RECUP erlaubt? „Irgendwie ja und nein“, erklärt Can. „Toleranz heißt zu verstehen, dass im Alltag nicht immer alles perfekt läuft und dass wir ein diverses Team mit verschiedenen Sichtweisen haben.“ Will heißen: Auch bei RECUP darf das Leben mal dazwischenkommen. Aber es gibt Leitplanken. Etwa beim Thema Fleisch. „Wir haben eine No-meat-no-fly-Policy, aber wir verbieten niemandem, Fleisch zu essen. Bei Geschäftsessen bezahlen wir aber nur vegetarisch“, erklärt Can. Denn eines ist ihm klar: „Diese gefühlte Perfektion in allen Lebenslagen ist eine große Bürde, wenn man im Nachhaltigkeitsbereich unterwegs ist. Davon müssen wir wegkommen.“ Manchmal bedeutet das auch, Projekte wieder zu beenden. So wie die Lohnspende, die RECUP 2021 eingeführt hatte. Die Idee: Mitarbeitende konnten einen Teil ihres Gehalts über The Impact Company an besonders wirksame Organisationen spenden. Direkt, schnell, unkompliziert. Mittlerweile gibt es das nicht mehr. „Moralische Verpflichtungen sind nicht unsere Aufgabe als Unternehmen“, sagt Can. „Was jemand mit seinem Gehalt macht, ist Privatsache. Da muss es irgendwo eine Grenze geben.“ Doch die Balance zwischen ökologischer Verantwortung, Fürsorge und wirtschaftlicher Realität ist nicht immer einfach. Vor allem in harten Zeiten.

„Wir brauchen keine Perfektion in allen Lebenslagen. Wenn wir nur mit dem erhobenen Zeigefinger herumrennen, machen alle dicht.“ – Can Lewandowski, RECUP

Von Tränen, Ebbe und Wellen

Kawumms. Das ist kein Crash, sondern steht bei RECUP an der Wand – als Unternehmenswert. Übersetzt heißt es: Mut zur Veränderung. Und den braucht es in einem dynamischen Markt wie der Gastronomie allemal. Inflation, fehlende Kaufkraft, Insolvenzen. Kann es noch schlimmer kommen? „Die Gastronomie erlebt gerade eine harte Zeit. Und dann kommen wir noch mit dem Thema Mehrweg um die Ecke“, sagt Can. Offene Ohren findet RECUP damit nicht überall – schon gar nicht bei Tankstellenbetreiber:innen, die viele Themen auf dem Tisch haben, so wie aktuell hohe Spritpreise.  Gerade in stürmischen Zeiten gilt es, den Kurs zu halten. „Das Thema Nachhaltigkeit kommt immer in Wellen und gerade ist einfach Ebbe. In solchen Zeiten versuchen wir, uns so wenig wie möglich mit uns selbst zu beschäftigen“, sagt Can. Das haben sie nach dem Zusammenschluss von Crafting Future und RECUP ohnehin ausführlich getan. „Das war für uns die schwierigste Zeit überhaupt, weil wir Mitarbeitende entlassen mussten. Da ist auch die ein oder andere Träne geflossen, auch bei mir“, erinnert sich Can. Schwere Zeiten formen den Charakter, heißt es. Oder anders gesagt: Sie machen resilient. „Für uns war das ein wichtiger Schritt, um jetzt gesund dazustehen und profitabel zu sein.“ Was aber hilft dabei, in solchen Zeiten nicht den Mut zu verlieren?

Die Energie im Raum

Unvergesslich. So beschreibt Can das letzte Townhall-Meeting, bei dem alle über Deutschland verteilten Mitarbeitenden zusammenkamen. „Da merke ich jedes Mal, was für eine besondere Energie entsteht. Und wie die mich noch wochenlang trägt“, schwärmt er. Dabei war Can lange einer der größten Remote-Verfechter. Kein Arbeitsweg, volle Konzentration und zwischendurch die Waschmaschine anstellen. Doch irgendwann fehlte ihm der Austausch an der Kaffeemaschine. Mittlerweile ist er vier Tage pro Woche im Büro, weil dort ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl entsteht. Auch wenn nicht jede Idee leicht umzusetzen ist. Zum Beispiel das Verantwortungseigentum. „Ich glaube, dass es parallel zur klassischen GmbH oder AG neue Anreizsysteme geben muss, um das System ein Stück weit zu transformieren. Aber das ist nicht für jedes Unternehmen etwas.“  Lange war es ein Thema der Gründer, doch RECUP hat nun einen anderen Weg eingeschlagen. Denn ein Unternehmen nachträglich umzubauen, wenn bereits Investor:innen an Bord sind, ist kompliziert. Was bleibt, ist die Richtung. Seit 2025 ist RECUP als B Corp zertifiziert – der externe Nachweis für hohe soziale und ökologische Standards. Eine klare Vision, die Can an anderer Stelle vermisst. 

Wohin steuert Deutschland?

„Welche Vision haben unsere Politiker:innen für unser Land? Das habe ich irgendwie nicht verstanden", sagt Can. Für ihn steht fest: Die Welt verändert sich und Stillstand bringt niemanden weiter. Dabei hat Europa mit Mehrwegquote und neuen Regularien eine klare Richtung für Kreislaufwirtschaft vorgegeben. Nur scheint das noch nicht überall angekommen zu sein. Veränderungen abzulehnen ist leicht. Deshalb braucht es Menschen, die trotz allem dranbleiben. Mit ganz viel Kawumms. 

Zur Kolumne:
Christine Harbig ist Filmproduzentin, Journalistin und BNW-Mitglied. Ihre Mission ist es, nachhaltige und soziale Unternehmen sichtbar zu machen. Denn es gibt bereits viele gute Ideen für eine bessere Zukunft – doch oft sind sie noch zu wenig bekannt. In der BNW-Reihe "Sozial. Stark. Sichtbar." porträtiert sie Sozialunternehmer:innen, die zeigen, wie alternatives Wirtschaften funktioniert und welche Chancen in ihren Geschäftsmodellen stecken.