„Es ist genügend Kapital vorhanden“
„Es ist genügend Kapital vorhanden in Deutschland“, so Silke Stremlau, Geschäftsführerin von Finance for Transition und Mitglied im Praxisbeirat Sustainable Finance der Bundesregierung, auf die Frage, wie sich die Klimaneutralität finanzieren lässt. Diese Aussage hat Seltenheitswert. Im Haushalt 2027 müssen Löcher in Milliardenhöhe gestopft werden, über das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz werden aktuell noch kaum zusätzliche Investitionen angeschoben, so das Institut der Deutschen Wirtschaft.
Um bis 2045 klimaneutral zu werden, müssen jährlich 191 Milliarden Euro investiert werden. „Davon kommen 90% vom Privatsektor und nur 10% vom Staat. Und dieser private Anteil, das sind Unternehmen, das sind institutionelle Anleger wie Versicherungen, Pensionskassen, aber auch wir Privatleute“ so Stremlau. Sie beruft sich dabei auf eine Prognose der KfW von 2021.
Realitätscheck statt Backlash
Tatsächlich ist die Bedeutung privaten Kapitals für die Klimaneutralität keine neue Erkenntnis: „Auch die EU hat schon 2018 erkannt, dass der Finanzmarkt eine zentrale Rolle spielt, wenn wir die Klimaziele erreichen und unsere Wirtschaft transformieren wollen.“ Die Folge war eine Reihe an Richtlinien: die Nachhaltigkeitsberichterstattungsleitlinie CSRD, Finanzmarktrichtlinie MiFID II, der Gedanke der EU-Taxonomie. „Alle waren begeistert - wow, endlich passiert was“ so Stremlau.
2026 ist von diesem Momentum nicht mehr viel zu spüren. „Das Ganze findet in dem Setting der verschiedenen Kriege und internationalen Herausforderungen statt, wir haben Trump mit seinen Zöllen und wir haben China, das aufholt und einen enormen Wettbewerbsdruck auf die Unternehmen ausübt“ so Stremlau. Hinzu käme der enorme Druck auf viele Branchen durch KI und Fachkräftemangel sowie Klimarisiken und Erderhitzung. Von einem Backlash will Stremlau aber nicht sprechen. „Eigentlich ist es ein Realitätscheck und Ankommen in der Wirklichkeit. Die Branchen müssen sich transformieren und teilweise neu erfinden.“
Zentralbanken als Treiber
Trotzdem ist Sustainable Finance für die meisten Akteure in den Hintergrund gerückt. „Die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden sind der letzte große Treiber für das Thema. Die entwickeln diverse Langfristszenarien und berechnen die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft, auf die Banken und ihre Kreditportfolien. Mittlerweile hat die Bundesbank auch kurzfristige Szenarien veröffentlicht und berechnet, was eigentlich passiert, wenn die Politik nichts tut.“
Was passiert, wenn nichts passiert – das hat zuletzt auch eine Vielzahl an Studien zur letzten europäischen Hitzewelle gezeigt. So errechnete prognos, dass jeder Tag über 30 Grad Deutschland aktuell 431 Millionen Euro an Wirtschaftsleistung kostet. Steigt das Thermometer über 35 Grad ist es knapp eine Milliarde Euro Verlust. Bis 2030 könnten sich die wirtschaftlichen Schäden durch Hitze auf 131 Milliarden Dollar summieren, so Allianz Trade. Welche Folgen für die europäischen Nachbarn drohen, zeigte Triodos: allein durch die Hitze könnten 1,4% des französischen BIPs verloren gehen und das Land damit 2026 in die Rezession rutschen.
„Die Aufsichtsbehörden sehen, dass die Klimarisiken in den Portfolios der Banken finanziell schlagend und zu Verlusten führen werden “ so Stremlau. „Und das ist nichts, was kurzfristig vorbeigeht. Das sind langfristige Phänomene und es wird eher mehr als weniger“ so Stremlau. „Deswegen müssen wir das einpreisen und es in die Risikomodelle der Banken, Versicherer und Investoren miteinbeziehen.“
Risiken einpreisen, Vorreiter:innen belohnen
Die Grundlage für mehr Risikomanagement sind Datensätze. In der Debatte um eine Abschwächung der CSRD machten Banken deshalb früh klar, dass sie weiter Daten zu den Umweltauswirkungen und -abhängigkeiten von den Unternehmen abfragen werden. „Wenn ich jemandem einen Kredit gebe, je nachdem in welcher Branche das ist, kann der Umgang des Unternehmens mit seinen Klimarisiken in den nächsten fünf Jahren finanziell schlagend werden“ so Stremlau.
Im Umkehrschluss können die Datensätze aber auch Vorteile bedeuten. „Wenn ich ein tolles Unternehmen habe, schon sehr nachhaltig und verantwortlich bin, dann will ich weniger Zinsen bezahlen für meinen Firmenkredit“ so Stremlau. Das aber scheitere bisher oft an den Banken, die sich scheuen, „braune“ oder nicht-nachhaltige Geschäftsmodelle mit höheren Kreditzinsen zu verteuern. Auch die Bankenregulatorik geht hier noch nicht so weit. „Die Finanzwirtschaft ist weiter gefordert, die Klimarisiken wirklich einzupreisen, die relevanten Daten bei den Unternehmen abzufragen, sich ihre Risikomodelle anzuschauen und auch in den Diskurs zu gehen und zu gucken, was brauchen die Unternehmen an Unterstützung“ so Stremlau. Sie fordert Banken müssten sich vom bloßen Kreditgeber zu Begleiter:innen der Unternehmenstransformation weiterentwickeln.
Mehr Transparenz und mehr Daten, könnten auch weitere Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen. Bis zum Jahresende will die Bundesregierung eine Rentenreform verabschieden. „Da werden Massen an Geldern mobilisiert werden“ so Stremlau. Ziel müsse es sein, diese zukunftssicher anzulegen: „Wir haben das Ziel Klimaneutralität. Der Staat legt das Geld für junge Leute mit einer Perspektive von 60 Jahren an. Da macht es natürlich absolut Sinn, das Geld langfristig zu investieren, nicht in Fossile zu gehen, sondern in die Transformation zu investieren.“
Ein Möglichkeitsfenster für die Transformation
Doch dieser Gedanke sei in der Politik gerade „etwas schwer unterzubringen“ so Stremlau. Und nicht nur dort: „Was wir jetzt brauchen, ist eine Einsicht, gerade bei Versicherungen und Pensionskassen. Mit dem uns anvertrauten Geld können wir an der Modernisierung Deutschlands mitwirken. Hier können wir gestalten. Wir müssen nicht in amerikanische ETFs investieren, sondern wir können mit unserem Geld hier vor Ort in die Zukunftsfähigkeit dieses Landes investieren.“
Vielleicht hat diese Einsicht gerade begonnen „Dieser Sommer hat vielen vor Augen geführt, wie abhängig wir sind, wie stark die Erderhitzung jetzt schon wirkt und dass es ganz klar finanzielle Auswirkungen hat.“ Sollte ein Umdenken stattfinden, ist der wichtigste Grundstein schon gelegt: „Es ist genügend Geld da in Deutschland. Was wir uns jetzt fragen müssen ist, wie bringen wir es dorthin, wo es am meisten fehlt“, so Stremlau abschließend.