Sozial. Stark. Sichtbar. - Wie WEtell Mobilfunk klimafreundlicher, solidarischer und menschlicher macht
Vier Gehaltsstufen und eine Hochzeit
„Ich wollte laut sein“
Es fehlte etwas. GLS-Bank? Klar. Biolebensmittel im Kühlschrank? Sowieso. Fairphone in der Tasche? Natürlich. Aber wie sieht es beim Mobilfunkvertrag aus? Das fragten sich Alma Spribille, Andreas Schmucker, Nico Tucher und Benjamin Thaidigsmann eines Abends. „Niemand von uns mochte seinen Mobilfunkanbieter“, erzählt Alma Spribille. „Kaum jemand weiß, dass Telekommunikation weltweit mehr CO2 verursacht als der Flugverkehr.“ Server, Funkmasten, Infrastruktur – all das wird meist nicht mit Ökostrom betrieben. Klimasünder Mobilfunk? Das muss doch anders gehen. So beschlossen die vier 2019 mit WEtell den ersten nachhaltigen Mobilfunkanbieter Deutschlands zu gründen. Mit ein bisschen Naivität und einer ordentlichen Portion Mut. Obwohl Alma Spribille dafür einen unbefristeten Job am Fraunhofer Institut für Solarzellenforschung aufgeben musste. „Sowas kündigt man nicht“, sagten ihre Eltern. Doch zwei Dinge gaben für Alma den Ausschlag: Der Niedergang der deutschen Solarindustrie nach der Kürzung der EEG-Förderung durch den damaligen Umweltminister Peter Altmaier und Staatssekretärin Katharina Reiche und die Enttäuschung über die begrenzte Wirkung als Wissenschaftlerin. Jahrelang sah sie zu, wie akribisch verfeinerte Solarzellen nach der Paper-Veröffentlichung im Keller verschwanden. Das konnte sie als Macherin nicht mehr ertragen. Schon als Grundschülerin zog Alma mit Klassenkamerad:innen los, um Müll aus dem nahen Wald zu sammeln und sich mit dem Flaschenpfand ein kleines Taschengeld dazu zu verdienen. Später engagierte sie sich bei Ingenieure ohne Grenzen. Mit viel Sinn, aber nur ehrenamtlich in der Freizeit. „Ich habe gemerkt, dass ich lauter sein und mich in Vollzeit für die Sachen einsetzen will, die ich wirklich wichtig finde“, sagt Alma. Als Unternehmerin konnte sie das und war bereit, dem aktiengetriebenen Mobilfunksystem die Stirn zu bieten.
Als WEtell seine Werte heiratete
Boooom. Konfettikanone! Männer mit silbrig glitzernden Röcken und Strapsen, Frauen mit Hosenträgern und wilden Kopfbedeckungen. Dazu eine alte Lokhalle, ausgebaute Schiffscontainer und 150 Gäst:innen. Sieht so eine Notariatsbeurkundung aus? Bei WEtell schon. Der Anlass: Gemeinwohl rechtssicher machen. Oder etwas nüchterner formuliert: 2022 bekam WEtell eine spezielle Satzung mit Stiftungsbeteiligung und wurde so ein Unternehmen in Verantwortungseigentum. Dafür feierten die Gründer:innen auf der Bühne eine symbolische Hochzeit zwischen WEtell und Daria Urman vom Purpose-Netzwerk Europe, die symbolisch die Werte verkörperte. Seitdem darf WEtell offiziell keine Gewinne mehr privatisieren und nicht an externe Investor:innen verkauft werden. Sobald Gewinne anfallen, dürfen diese nur zweckgebunden für Klimaschutz, soziale Projekte oder bessere Gehälter eingesetzt werden. „Bei uns können Mitarbeitende Stimmrechte bekommen, externe Kapitalgeber:innen nicht“, erklärt Alma. Ein klassischer Exit ist nun nicht mehr möglich, selbst wenn die Gründer:innen irgendwann ihre Meinung ändern sollten. Im Team flossen Freudentränen. Doch Werte ehelichen ist eine Sache – über Geld reden eine andere.
Auf einmal hagelte es Vorwürfe
Einfach unfair. So fühlen sich die Gehälter der Führungsebene für viele Arbeitnehmer:innen an. Für Alma ist das kein Randthema. „Die Ungleichverteilung von Vermögen gefährdet unsere Demokratie“, ist sie überzeugt. Also wollte WEtell es anders machen und das Team über ein Gehaltsgremium in Entscheidungen mit einbeziehen. Seit 2023 gibt es bei WEtell vier Gehaltsstufen. Die Geschäftsführung darf maximal doppelt so viel verdienen wie Mitarbeitende im niedrigsten Gehaltsband. Doch auf dem Weg dorthin kamen auch alte Ungerechtigkeiten ans Licht. „Als wir gestartet sind, gab es richtige Vorwürfe gegenüber uns als Geschäftsführung. Das war sehr aufwühlend, herausfordernd und emotional belastend", erinnert sich Alma. Manche Unterschiede waren aus der Not heraus entstanden. Etwa, weil eine IT-Fachkraft anders kaum zu finden war und mehr verdiente als Mitarbeitende im Customer Service. Aber war das fair? Für Alma bedeutete der Prozess: Fehler zugeben, Hintergründe erklären und gemeinsam nach vorne schauen. Was macht ein faires Gehalt aus? Drei Fragen wurden entscheidend: Ist es fair für mich persönlich? Ist es fair im Vergleich zum Team? Ist es fair im Vergleich zum Markt? Weil marktübliche Gehälter je nach Berufsfeld stark auseinandergehen, fand WEtell einen Kompromiss: Marktbausteine. Liegt ein Gehalt unter dem Marktniveau, gleicht WEtell die Hälfte der Differenz aus. Doch dann ging es weiter „Argumentiert mal bitte, warum die Geschäftsführung eigentlich überhaupt so viel mehr verdienen sollte als Mitarbeitende“, kam es aus dem Team. Nico Tucher hielt ein flammendes Plädoyer über Verantwortung, Insolvenzrisiko und Haftungsfragen und das überzeugte am Ende auch das Gehaltsgremium. Seitdem gibt es eine Gehaltskopplung: Die Gehälter der Geschäftsführung können nur steigen, wenn auch die Mitarbeitenden mehr verdienen. Genauso solidarisch geht es beim Tarifmodell „FAIRstärker“ zu: Kund:innen können freiwillig bis zu fünf Euro mehr zahlen und ermöglichen anderen damit, bis zu fünf Euro weniger zu zahlen, wenn sie sich selbst den günstigsten Tarif gerade nicht leisten können. Ganz ohne Nachweis. Doch all das hat auch seinen Preis.
„Wenn Manager 100 Mal so viel verdienen wie die Menschen am Band, ist das einfach unfair. So viel Leistung kann niemand bringen. Wenn wir nicht anfangen, eine angemessene Verteilung von Vermögen wiederherzustellen, geht unsere Demokratie kaputt." – Alma Spribille, WEtell
Bum. Bum. Bum.
Schlag auf Schlag. So geht es zu in Deutschland. Corona, Ukraine-Krieg, Auflösung der Ampel-Regierung, Unzufriedenheit mit der Regierung, Iran-Krieg und nun die Energiekrise. Wer soll da noch durchatmen? Auch WEtell spürt die Erschöpfung. „Es ist viel schwieriger geworden, Aufmerksamkeit für die Dinge zu wecken, die wir richtig machen", sagt Alma. „Obwohl wir inhaltlich viel besser geworden sind. Das ist schon wahnsinnig frustrierend." Wenn Menschen das Gefühl haben, alles werde immer schlimmer, schrumpft die Hoffnung. Und mit ihr die Bereitschaft, sich mit Lösungen zu beschäftigen. Gerade deshalb stellt sich für Alma immer wieder die Frage, wo es sich lohnt, ihre Energie einzusetzen. Etwa im Wirtschaftsbeirat der Grünen? Die würden nicht mal die Reisekosten erstatten und jedes Treffen würde sie zwei Tage kosten. Aber dann hörte Alma diesen Satz aus dem Team: „Jetzt mal ehrlich, Alma, du machst das schon, oder? Das ist doch genau die Wirkung, die wir haben wollen.“ Mitreden und sich für faire Bedingungen einsetzen, auch wenn es unbequem ist. Vielleicht ist das auch der Grund, warum WEtell selbst in Zeiten des Fachkräftemangels keine Bewerberlücke kennt. Sogar Angestellte mit einem festen Job bewarben sich, weil sie etwas Sinnvolleres tun wollten. Eine klare Haltung zeigt Wirkung. Genauso wie guter Kundenservice. Noch immer sind viele Kund:innen überrascht, wenn in der Hotline ein echter Mensch antwortet statt einem Bot und wenn ihnen tatsächlich geholfen wird. Menschlichkeit statt Automation. Doch ein Thema macht es WEtell schwerer als es sein müsste.
Ein Ärgernis und ein ungewöhnlicher Traum
Pfffft. Eines wurmt Alma wirklich: die öffentliche Vergabe. Eigentlich sind Kriterien für soziales und Nachhaltigkeit Pflicht. Aber in der Praxis? „Wir nehmen an vielen Ausschreibungen teil, aber leider sehen wir nie, dass diese Kriterien einfließen.“ Dabei kosten faire Gehälter, echter Kundenservice und Investitionen in Erneuerbare nicht gerade wenig. Genauso wie deutsche Server statt ausländischer Cloud. „Klar sind wir sehr idealistisch“, sagt Alma. „Aber das ist ja der Sinn der Sache. Wenn wir selbst nicht glauben würden, dass wir die Welt retten können, würden wir die Hoffnung verlieren.“ Denn wenn niemand anfängt, etwas zu verändern, bleibt alles beim Alten. Am Ende heißt Erfolg für Alma auch nicht, immer mehr zu verdienen. „Wenn wir in unseren Umfragen sehen, wie glücklich unser Team ist und wie gewertschätzt sich die Mitarbeitenden fühlen, dann ist das für mich der schönste Erfolg“, so Alma. Ihr nächstes großes Ziel klingt fast paradox: Als Geschäftsführerin überflüssig zu werden. Nicht, weil sie keine Lust mehr hat. Sondern weil es ihr Freude macht, andere Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen und ihr Potenzial zu entdecken. Statt endlosem Wachstum lieber andere Menschen wachsen lassen. Und vielleicht eines Tages nochmal den Ausblick von einem Windrad genießen – trotz Höhenangst.
„Eine autofreie Innenstadt, das wäre echter Wohlstand für mich. Den kann ich mit Geld gar nicht kaufen." – Alma Spribille, WEtell
Zur Kolumne:
Christine Harbig ist Filmproduzentin, Journalistin und BNW-Mitglied. Ihre Mission ist es, nachhaltige und soziale Unternehmen sichtbar zu machen. Denn es gibt bereits viele gute Ideen für eine bessere Zukunft – doch oft sind sie noch zu wenig bekannt. In der BNW-Reihe "Sozial. Stark. Sichtbar." porträtiert sie Sozialunternehmer:innen, die zeigen, wie alternatives Wirtschaften funktioniert und welche Chancen in ihren Geschäftsmodellen stecken.