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Wie Geld wirkt: Was Versicherungen mit der Zukunft unserer Wirtschaft zu tun haben

Ein Gastbeitrag von Anita Merzbacher. 

Gastbeitrag
Sustainable Finance Mitgliedsunternehmen Klimaschutz
Bild von einem Windpark

Auf der norwegischen Insel Fidja stehen 55 Windräder. Gebaut wurden sie unter anderem mit Geld von Menschen, die in Deutschland eine Lebensversicherung abgeschlossen haben. Die meisten von ihnen wissen das nicht.

Wenn über die Finanzierung einer nachhaltigeren Wirtschaft gesprochen wird, geht es meist um Banken, Fondsgesellschaften, Förderprogramme oder private Anlegerinnen und Anleger. Eine Branche kommt dabei selten vor, obwohl fast jede und jeder in Deutschland Kundin oder Kunde ist: die Versicherungswirtschaft.

Das liegt auch daran, dass Versicherung als Produkt unsichtbar bleibt. Man kauft sie und hofft, sie nie zu brauchen. Was mit dem Geld zwischen Vertragsabschluss und Schadenfall passiert, interessiert kaum jemanden. Dabei liegt dort ein erheblicher Teil der Antwort auf die Frage, wie Geld wirkt.

Wo unsere Beiträge landen

Der Beitrag, den wir monatlich oder jährlich überweisen, liegt nicht auf einem Konto und wartet auf den Schadenfall. Er wird angelegt, oft über Jahrzehnte.

In der Summe ergibt das einen der größten Kapitalstöcke des Landes. Die deutschen Versicherer verwalten rund 1,9 Billionen Euro an Kapitalanlagen. Sie nehmen jährlich rund 238 Milliarden Euro an Beiträgen ein und legen jedes Jahr zwischen 200 und 300 Milliarden Euro neu oder wieder an. Rund 500 Millionen Versicherungsverträge laufen in Deutschland.

Die Kapitalanlagen der Versicherer sind damit ein Mehrfaches dessen, was der Bund in einem Jahr ausgibt.

Und dieses Geld ist geduldig. Eine Lebensversicherung läuft dreißig Jahre, eine Rentenversicherung noch länger. Wer so lange plant, kann in Dinge investieren, die sich erst nach zehn oder fünfzehn Jahren rechnen. Windparks, Stromnetze, Bahninfrastruktur, energetisch sanierte Gebäude. Genau die Art von Investitionen, die die Transformation braucht und für die kurzfristiges Kapital selten geeignet ist.

Die Frage lautet deshalb nicht nur: Welche Rendite bringt eine Anlage? Sondern auch: Was wird mit diesem Kapital möglich?

Kapital, das man anfassen kann

Dass das keine graue Theorie ist, zeigen Versicherungs-Häuser, die im BNW aktiv sind.

Die Bayerische investiert über ihre Tochter Pangaea Life in Sachwerte, die man besichtigen kann: den Windpark auf der norwegischen Insel Fidja mit 55 Anlagen, Solarparks in Süditalien, Wasserkraft in Portugal, Batteriespeicher in Europa. Ihr Fonds Blue Energy liegt bei rund 540 Millionen Euro. Ein zweiter Fonds finanziert energieeffizienten Wohnungsbau, darunter ein Berliner Projekt mit 752 Wohnungen im KfW-40-Standard.

Das Prinzip dahinter ist einfach: Die Rendite entsteht aus dem Strom, der produziert wird, und aus Mieten, die gezahlt werden. Kundinnen und Kunden können nachsehen, wo ihr Geld arbeitet. Altersvorsorge und Energiewende sind hier dasselbe Geld. Und solche Investments eröffnen Zugang zu Märkten, die in den kommenden Jahrzehnten wachsen werden.

Ohne Versicherung dreht sich kein Windrad

Ein zweiter Hebel von Versicherungen bleibt außerhalb der Branche häufig unsichtbar, obwohl er für jedes Vorhaben wesentlich ist: Versicherer entscheiden mit darüber, was überhaupt umgesetzt und finanziert wird.

Ein Windpark kann technisch funktionieren, politisch gewollt sein und Investoren gefunden haben. Wenn die zentralen Risiken nicht versicherbar sind, bekommt er trotzdem keine Finanzierung. Banken verlangen Versicherungsschutz, bevor sie Kredite vergeben. Das gilt für Fabriken, Ladeinfrastruktur oder Wasserstoffanlagen gleichermaßen.

Versicherbarkeit ist damit ein Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur, ähnlich wie Straßen oder Stromnetze. Sie fällt nicht auf, solange sie gegeben ist.

Besonders relevant wird das bei Innovationen. Neue Technologien bringen Risiken mit sich, für die es noch keine jahrzehntelangen Schadenstatistiken gibt. Wer sich darauf einlässt, diese Risiken zu verstehen und Deckungen dafür zu entwickeln, ermöglicht Geschäftsmodelle, die sonst nicht entstünden. Das ist Innovationsförderung, auch wenn sie selten so heißt.

Die nachhaltigste Versicherung ist der Schaden, der nicht entsteht

Versicherung funktioniert, solange Risiken kalkulierbar bleiben. Der Klimawandel rüttelt an dieser Voraussetzung.

2025 war für deutsche Versicherer ein vergleichsweise ruhiges Jahr: rund 2,6 Milliarden Euro versicherte Schäden durch Naturgefahren, etwa drei Milliarden weniger als 2024. Der GDV warnt allerdings ausdrücklich davor, das als Entwarnung zu lesen. Extremwetterereignisse nehmen im Trend zu.

Auf steigende Schäden lässt sich mit steigenden Prämien reagieren. Aber dieses Prinzip stößt an Grenzen. Irgendwann wird Versicherungsschutz für Menschen und Unternehmen schwer bezahlbar, oder einzelne Risiken lassen sich wirtschaftlich kaum noch decken. So bieten heute schon einige Versicherer keine Waldversicherung  mehr an und in auch die Übernahme von Hochwasserrisiken wird in einigen Regionen in der Zukunft nicht mehr 

Deshalb verschiebt sich der Blick nach vorne, vor den Schaden. Versicherer haben dafür ungewöhnlich gute Voraussetzungen. Sie wissen aus jahrzehntelanger Schadenerfahrung sehr genau, wo Schäden entstehen, unter welchen Bedingungen und in welcher Höhe. Dieses Wissen kann man nutzen, um Risiken zu bepreisen. Man kann es auch nutzen, um sie zu verringern.

Die Zurich Versicherung betreibt seit über zehn Jahren gemeinsam mit Forschungsinstituten und Hilfsorganisationen eine Allianz, die Gemeinden weltweit widerstandsfähiger gegen Hochwasser und andere Klimarisiken machen soll. Bis 2027 sollen 5,5 Millionen Menschen erreicht werden. Das ist angewandtes Risikowissen.

Auf nationaler Ebene arbeitet die Branche unter dem Stichwort Elementar Re an einem Modell, das Naturgefahrenschutz flächendeckend und bezahlbar halten soll. Auch das ist im Kern eine Präventionsfrage.

Hier schließt sich der Kreis zur Kapitalanlage. Wenn Versicherer besser als fast alle anderen wissen, wo künftig Schäden entstehen: Warum nicht gezielt in Unternehmen investieren, die Lösungen für genau diese Risiken entwickeln? Hochwasserschutz, resiliente Baustoffe, Frühwarnsysteme, intelligente Gebäudetechnik, Materialien für Klimaanpassung.

Versicherer erkennen Risiken. Unternehmen entwickeln Lösungen. Kapital ermöglicht deren Wachstum. Schäden sinken, Risiken bleiben versicherbar. Aus Nachhaltigkeit wird an dieser Stelle Geschäftsstrategie.

Solidarität als Kerngeschäft

Neben diesen Hebeln bei der Finanzierung und Mitgestaltung einer zukunftsorientierten Wirtschaft haben Versicherungen in ihrem Kern eine soziale Funktion.

Das Grundprinzip ist solidarisch: Viele tragen gemeinsam Risiken, an denen einzelne zerbrechen würden. Lebens- und Rentenversicherungen finanzieren Altersvorsorge, Berufsunfähigkeits- und Pflegeversicherungen schützen vor existenziellen Brüchen, Krankenversicherungen finanzieren Versorgung und können Vorsorge fördern.

Auch hier gilt der Präventionsgedanke: Gesundheit erhalten statt nur Krankheit bezahlen. Versorgungslücken früh verhindern statt ihre Folgen spät auffangen.

Hebel für die Transformation

Viele Schritte werden (von den innovativen Akteurinnen in der Branche) bereits unternommen. Manches ginge besser und schneller, wenn auch die Rahmenbedingungen mitspielten.

Beteiligungen an jungen Unternehmen und an Infrastruktur binden nach den europäischen Aufsichtsregeln viel Eigenkapital. Eine Staatsanleihe ist für einen Versicherer regulatorisch schlicht billiger als ein Anteil an einem Unternehmen, das Klimaanpassungstechnik entwickelt. Diese Regeln werden derzeit überarbeitet. Ab 2027 sollen solche Investitionen leichter möglich sein. Ob das reicht, wird sich zeigen. Wer will, dass mehr langfristiges Kapital in die Transformation fließt, muss über diese Regeln reden. Das ist eine politische Frage, keine des guten Willens einzelner Häuser.

Hier liegt eine Aufgabe, die der BNW und die Versicherer gemeinsam angehen können.

Wie nachhaltiges Geld doppelt wirkt

Wenn Versicherer Kapital, Risikowissen und Versicherungskompetenz konsequent zusammendenken, gestalten sie die Transformation mit und stärken zugleich ihr eigenes Geschäft. Eine widerstandsfähigere Wirtschaft bedeutet beherrschbarere Risiken. Prävention senkt Schäden. Neue Technologien schaffen neue versicherbare Märkte. Nachhaltigkeit ist damit weit mehr als eine regulatorische Pflicht. Sie kann Teil der Zukunftsstrategie einer ganzen Branche sein.

Wenn wir darüber sprechen, wie Geld wirkt, muss die Versicherungswirtschaft also mit am Tisch sitzen. Sie versichert nicht nur die Wirtschaft der Zukunft. Sie finanziert und ermöglicht sie.

 

 

Über Anita

Anita Merzbacher ist Vorstandsvorsitzende der UNO INO eG und Vorstandsmitglied im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft. Sie setzt sich für die nachhaltige Transformation der Wirtschaft ein und ist überzeugt: Die Versicherungswirtschaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn sie verfügt über besondere Hebel, um die Transformation voranzutreiben – als Investor, Risikomanager, Präventionspartner und Anbieter zukunftsfähiger Versicherungslösungen.